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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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(c) Kaupo Kikkas

Musikstadt

Pärnu

Großmutters Datsche war die Grundlage: Wie aus dem estnischen Sommerurlaubsort Pärnu das Musikfestival der Järvis wurde.

Das Handy zeigt als Ortserkennung den alten deutschen Namen an: Pernau. Dabei heißt der vom Deutschen Orden gegründete Badeort in der Bucht von Riga, an dem 1838 die erste Schlammpackung verteilt wurde, lange schon Pärnu. Estnische Ostseeprovinz, aber im russischen Riesenreich der annektierenden UdSSR einst das westlichste Ferienseeresort, wohin auch Geigenpoet David Oistrach und Komponistenkollege Dmitri Schostakowitsch kamen. Es ist immer noch eine angenehme Mischung aus drei Kilometer Dünensandstrand, Alleen von Kiefern, Lärchen, Birken, Linden und Eichen, Barockstraßen, orthodoxen Kirchen, fein verzierten Holzdatschen, Bauhaus-Moderne und sozialistischem Plattenbau. Geruhsam, kaum gentrifiziert, aber mit ein paar touristischen Annehmlichkeiten wie neuen Spa-Hotels. Und Feriensitz der Dynastie der Järvis. Ja: diesen Järvis, Estlands musikalischem Vorzeigeclan. Und das seit eigentlich immer schon (in der Zeit des amerikanischen Exils von 1980–1990 freilich nur mit dem Herzen), schließlich wurde die Großmutter hier 1901 geboren; ihr Haus hat man nie aufgegeben. Big Dirigier-Daddy Neeme hat das irgendwann verblichene Oistrach-Festival in der zaristischen Elisabethkirche übernommen und eine gern besuchte Dirigenten-Masterclass hinzugefügt. Daraus wurde das Jervi Music Festival, seit 2010 heißt es Pärnu Music Festival. Und nicht nur der wieder in Tallinn lebende, ebenfalls dirigierende Sohn Kristjan kommt zum Urlaubmachen her (bevor sein eigenes Baltic Sea Philharmonic auf Sommertour geht). Der ältere, in London residierende Sohn Paavo, natürlich auch Dirigent, hat neben der Järvi-Akademie vor sechs Jahren ein Festival Orchestra aufgebaut, in dem auch die sonst in Genf wohnende Schwester Maarika Flöte spielt. Mittendrin, auch im Jahr 2021, und die Ruhe selbst: Paavo Järvi. Dazu dessen zwei Töchter. Bruder Kristjan spielte diesmal nur eine Nebenrolle. Der 84 Jahre alte Vater Neeme war mit Mama Liilia zu Hause im amerikanischen Palm Springs, Florida geblieben; das Reisen wäre zu umständlich gewesen. Er nahm freilich, durchaus sich einmischend, per Zoom an der Dirigentenakademie teil.

Wunderbar vergessen

Pärnu, eine Halbinsel am gleichnamigen Fluss. Sozialistischer Aufmarschplatz samt stalinistischem Theater, goldene Zwiebeltürmchen, verblichene Grand-Hotel-Herrlichkeit und viele, viele Kioske, Kneipen und Cafés, die sich in den wenigen Straßen des Zentrums ballen: Es ist geruhsam hier, „wunderbar vergessen“, wird Paavo Järvi später sagen. Am Flussufer ist es weniger schön, eine breite Straße, Mietskasernen russischer Bauart, ein monströses Einkaufscenter. Das freilich umarmt und schirmt die eigens für die Järvis 2002 gebaute Konzerthalle ab. Die hat eine Bronzestatue des hier geborenen Gustav Fabergé (Vater des berühmten Eiermachers) vor der Türe sitzen, verfügt über knapp 900 Plätze und einen Kammermusiksaal, ist funktional-angenehm, mit etwas direkter Akustik. Gerade hat sich das Festivalorchester zur ersten Probe zusammengefunden. Im schmalen Backstagebereich türmen sich Koffer und Instrumentenkästen, viele kommen direkt vom Flughafen. Das ist echter Enthusiasmus für einen Esten! Das Pärnu Music Festival 2021 ist ebenso wenig ausgefallen wie das im Corona-Sommer 2020. Wieder war es eine intensive Woche, ohne Tests und Masken, hier war die Inzidenz niedrig, dafür mit drei Konzerten des Festival Orchestra plus Solisten: der eben von einer Chemotherapie kommende, tapfere Lars Vogt, Joshua Bell und Emmanuel Pahud. Weitere Abende bestreiten das Chamber und das Youth Orchestra, dazu die Akademisten und Kammermusikprogramme. An diversen Orten. Manchmal auch mit Gästen. Auch mit einem reichhaltigen Werkanteil estnischer Komponisten, die hier immer eine Entdeckung sind. Und mit Ouvertüre in Tallinn sowie Konzerten in Kirchen, Villen und der Kurmuschel. Die Pärnu kontserdimaja, die Konzerthalle in Pärnu am Pärnu, ist meist bis auf den letzten der 896 Plätze gefüllt. Sogar die aufgehübschten Estinnen – Fächer, viel Spitze, noch mehr Blond, gern mit hohem Keilabsatz – sie sind neuerlich aufmarschiert und bevölkern die Outdoor-Fotowand. So trotze man in Estlands Sommerhauptstadt am 26 Grad warmen Rigaer Meerbusen bei schönstem baltischem Wetter (Sonne, Schäfchenwolken, leichter Wind) der Inzidenz 45. Gut, da standen ein paar Desinfektionsspender herum, in der holzhellen Elisabethkirche, die einst die gleichnamige Zarin in ihrer Festungsstadt zu bauen befahl, gottergeben gleich neben den Gesangsbüchern. Und auf dem Podium begrüßte man sich nur mit Faust oder Ellenbogenstoß. Zum elften Mal hatten sich also spielend im Estonian Festival Orchestra (EFO) die Järvi-getreuen Musiker versammelt und zeigten diesen Sommer besonders stolz ihr wahres Gesicht: ohne Maske – aber schön!

Familienensemble

Freunde aus Paavo Järvis Orchestern auf der ganzen Welt plus die besten blasenden wie streichenden Esten, sie fügen sich mit tollen Instrumentalsolisten als Garnierung zum erweiterten Familienensemble. Das ist die einfache wie schlagende Formel, mit der der eminente Erzieher diesen großartigen Klangkörper aufgebaut hat. Auch dieses Jahr konnten die japanischen Musiker nicht dabei sein, zwei englische Hornisten mussten passen, dafür kamen erstmals zwei Instrumentalisten vom Orchester der Züricher Tonhalle dazu, Paavos neuestem Chefposten. Aus Zürich war zudem eine vielköpfige Freundeskreistruppe da. Man kommt in die Konzerte, wie man mag, leger in kurzen Hosen oder groß aufgetufft mit Pumps als Waffen. In der Pause wird fleißig beim Cognac wie bei den Torten zugelangt. Sehr estnisch das. Erkki-Sven Tüür, mit dem der damals noch vollbehaarte Paavo Järvi einst in einer Rockband spielte, ist oft da. Seit 2017 gastiert das Orchester auch, zwei Alben sind bisher erschienen. Denn bei Paavo Järvis Orchesteraktivitäten mag zwar ein gehöriger Schub Nostalgie mitschwingen, mit Erinnerungen an ein nie enden wollendes Sommerfrischeparadies – mit Betonung auf „Frische“ –, an alte Fotos bei Schostakowitsch auf dem Schoß oder als junger Perkussionist, der dem urlaubenden Aram Chatschaturjan dessen „Säbeltanz“ auf dem Xylofon vorspielt. Mit 18 Jahren war aber Schluss damit, denn sein Vater Neeme Järvi wollte lieber in den ihm günstiger gesinnten USA seine Karriere weiterverfolgen. Und jetzt soll das Orchester berühmt werden. Guten Nationalstolz nennt man das. Was Claudio Abbado und aktuell Riccardo Chailly mit dem Lucerne Festival Orchestra recht und Iván Fischer mit dem Budapest Festival Orchestra billig ist, das will auch Pavo Järvi wissen. Mit den besten Vorbildern vor Augen und Ohren. Esten und Elite, vor allem aber auch Freunde, das soll die Musikermischung sein. Auf dass die Künstler dieses kleinen Landes lernen können, den Blick weiten. Dann aber Party. Erst Schnittchen-Empfang im Foyer, überall wuseln Järvis. Paavos zwei Kinder, zwei von Maarika, Kristjan hat vier, besonders fruchtbar war Neemes älterer Bruder, der erste Musiker in der Friseursfamilie: Auch dessen Nachkommenschaft bestückt das Festival Orchestra, dieses Jahr mit sechs Järvis, es können aber auch bis zu elf werden. Auf dem Heimweg ein kurzer Abstecher zur Festivalkantine „Café Passion“, das spätabends zum Hotspot wird. Heute nur mittelgroße Runde, alle Ankömmlinge sind noch müde. Aber die Feste sollen legendär sein. Wenn nicht die Putzfrau schon um sechs kommt statt wie gewöhnlich um acht. Der am längsten Bleibende? Natürlich Paavo Järvi. Festival ist schließlich Verpflichtung.

www.parnumusicfestival.ee

Eduard Tubin

Immer gibt es Entdeckungen beim Pärnu Festival, etwa von Estlands erstem großen Sinfoniker Eduard Tubin (1905–1982). Der floh 1944 vor der Roten Armee übers Meer nach Schweden und blieb dort. Seine Werke waren im sowjetisch beherrschten Estland lange verboten. Aber natürlich war es Neeme Järvi, der in den Achtzigerjahren eine Tubin-Renaissance einleitete. Auch Paavo Järvi nahm jetzt Tubin für das nächste Album des EFO auf. Streng und präzise erklingt Tubins Musik für Streicher aus dem Jahr 1963. Farbenfroh, auch gewaltig percussionslaut ist die auf estnischen Folklorethemen basierende Suite aus dem ersten nationalen Ballett, dem 1961 uraufgeführten „Kobold“.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2021



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