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N° 1230
04. - 10.12.2021

nächste Aktualisierung
am 11.12.2021



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(c) Cécile Chabert/Sony Music Entertainment

Lucas Debargue

Mit Entdeckergeist

Der Pianist widmet sich gemeinsam mit der Kremerata Baltica und Gidon Kremer dem zu Unrecht vergessenen Komponisten Miłosz Magin.

Beim Telefon-Interview im Frühjahr befindet sich Lucas Debargue in der Nähe von Paris. Frankreich exerziert gerade einen „mixed lockdown“, wie Debargue es nennt, man darf zur Arbeit gehen und auch wichtige Erledigungen sind erlaubt. In ein paar Tagen bricht der französische Pianist auf zu Konzerten nach Russland und Italien.

RONDO: Wie sind Sie auf die Musik von Miłosz Magin gestoßen?

Lucas Debargue: Meine erste Klavierlehrerin Christine Muenier kannte Magin sehr gut und bewunderte ihn nicht nur als ihren Lehrer und fabelhaften Pianisten, sondern auch als Komponisten. Deshalb gehörten unter anderem seine Miniaturpolonaisen, seine Sonatine und „Image d’enfants“ zu den ersten Werken, die ich neben Beethoven, Mozart und Clementi auf dem Klavier gespielt habe. Seine Musik ist mir also sehr vertraut.

RONDO: Können Sie das Besondere an seiner Musik beschreiben?

Debargue: Magin hat in den 1960er-Jahren in Paris begonnen zu komponieren, nachdem ein Autounfall seine Karriere als Konzertpianist beendet hatte. Es war die Zeit der Minimalisten, aber er fand einen sehr persönlichen Stil, sehr tonal und leicht zu hören, mit Melodien, die im Ohr bleiben und vertrauten Harmonien. Aber dennoch ist seine Musik alles andere als simpel!

RONDO: Welche Einflüsse waren für den Komponisten Magin wichtig?

Debargue: Es ist ein Mix von Einflüssen, sehr stark slawische, russische Einflüsse, ich höre Tschaikowski, aber auch Strawinskis Moderne. Es gibt aber auch französische Einflüsse von Debussy und Ravel. Und natürlich Chopin, neben dem er in Paris begraben liegt. Trotzdem besitzt jedes seiner Werke seine sehr persönliche Signatur.

RONDO: Worin besteht diese Signatur?

Debargue: In seiner besonderen Art der melodischen Inspiration, die immer sehr melancholisch grundiert ist. Es schwingt eine Sehnsucht mit, ein sehr ambivalentes Gefühl. Deshalb lautet der Titel des Albums „Zal“, dieses unübersetzbare Wort bezeichnet dieses Gefühl. Es ist vielleicht am besten mit der portugiesischen „Saudade“ zu vergleichen. „Zal“ vermittelt den Duft, die Komplexität, die Tiefe und die Emotion der Musik von Magin.

RONDO: Diese Musik spricht also vor allem emotional an?

Debargue: Ja, sie geht direkt in mein Herz, aber es ist schwer zu erklären, warum. Es ist ja auch schwer zu erklären, warum man jemanden liebt.
RONDO: Aber man würde diese Musik wohl kaum auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts datieren?
Debargue: Ich finde interessant, wie Magin seinen eigenen Raum gefunden hat im 20. Jahrhundert. Für mich ist das sehr wichtig, weil ich selbst komponiere. Und das nicht, weil ich davon träume, Komponist zu sein. Ich schreibe, weil ich das einfach brauche!

RONDO: Noch einmal zu Magins Musik: War seine Art zu komponieren nicht doch auch rückständig?

Debargue: Nein, er war einfach angezogen von populären Elementen in der klassischen Musik, und als gebürtiger Pole spielen polnische Tänze wie Mazurken, Obereks und Krakowiaks eine große Rolle für ihn. Es gibt aber auch starke Einflüsse der Moderne in seinem Werk. Er war originell, ohne originell sein zu wollen. Und diese Qualität macht ihn zu einem großen Künstler.

RONDO: Ist es in seinen Klavierwerken für Sie spürbar, dass er auch ein großer Pianist war? Liegen die Stücke gut in der Hand?

Debargue: Man braucht viel Kraft, sie sind sehr schwer zu spielen und ingeniös komponiert für das Instrument. Auch für Violoncello und Violine hat er sehr gut geschrieben, denn er beherrschte viele Instrumente.

RONDO: Sie haben das Klavierspiel erst mit elf Jahren angefangen, haben dann mit 15 Jahren eine fünfjährigen Pause gemacht. Haben Sie damals das Instrument überhaupt nicht angerührt?

Debargue: Doch, aber nicht mit klassischer Musik, ich war eine Zeit lang in einer Rockband und habe Klavier und E-Bass gespielt. Heute ist es ja normal geworden ist, dass Pianisten schon mit drei oder vier Jahren anfangen und später acht Stunden am Tag üben. Aber ich denke, das ist nicht normal, denn das hat gar nichts mit Kunst zu tun! Das ist Sport und nicht Kunst! Ich aber bin an Kunst interessiert. Mit zehn Jahren war für mich klar, dass Kunst mein Leben ist, seither habe ich nie aufgehört, alles aufzusaugen, auch Literatur. Und die Musik hat mich quasi überfallen.

RONDO: Dann könnten Sie auch etwas anderes sein als Pianist?

Debargue: Ich war nie interessiert an einer „normalen“ Karriere. Was mich interessiert, ist der Kontakt zum Publikum, um Kunst zu teilen. Das hat nichts zu tun mit acht Stunden üben am Tag, sondern das erfordert dein Leben! Ich finde es unglaublich, dass die meisten Musiker auf dieser Quantität des Übens beharren, wie eine Maschine.

RONDO: Haben Sie deshalb für fünf Jahre ganz aufgehört mit dem klassischen Klavier?

Debargue: Ich sah den Grund, nicht mehr zu üben. Ich sah die Kollegen acht Stunden trainieren, aber mir war das unmöglich.

RONDO: Mussten Sie nach der Pause technisch wieder bei Null anfangen?

Debargue: Dieses Gerede von der Technik! Fahrradfahren oder Skifahren lernt man auch nur ein Mal. Das vergisst man nicht in fünf Jahren. Aber es ist interessant, wie viele Leute nicht auf die Kraft des Geistes vertrauen.

RONDO: Übt man also am besten im Kopf?

Debargue: Ja, der Kopf ist das Entscheidende, und es ist wichtig, wirklich konzentriert zu sein. Man kann nicht acht Stunden lang hochkonzentriert sein, das ist unmöglich. Ich selbst übe viele Stunden nur, wenn ich unmittelbar ein Konzert oder ein großes Projekt vor mir habe. Aber auch dann niemals acht Stunden nur ein Stück!

RONDO: Aber müssen die Finger nicht trainieren?

Debargue: Ich habe alles im Kopf, die Noten, die ganze Partitur. Es ist sinnlos, ans Klavier zu gehen, um zu checken, wo die Finger hinmüssen, das weiß ich doch. Ich gehe ans Klavier, um eine Farbe zu suchen, um ein Crescendo auszuprobieren und an der Dynamik zu arbeiten. Das sind gute Gründe zum Üben.

RONDO: Dann streben Sie also keine Perfektion an?

Debargue: Der Mensch ist begrenzt, und wenn das einzige Ziel ist, keine Fehler zu machen, dann hat auch das nichts mit Kunst zu tun. Kunst hat mit Tiefe zu tun, und wenn Du Tiefe erreichen willst, die Poesie eines Stücks finden willst, musst Du nah beim Komponisten sein und deinen Kopf und dein Herz einschalten. Es geht um Leidenschaft! Du kannst nicht den ganzen Tag mit Musik verbringen, wenn Du das machst, stirbt sie. Es ist besser, ein Buch zu lesen, als viele Stunden zu üben. Und wenn man immer nur besser werden will, wird es nur schlechter. Man muss sich die Frische bewahren, den Entdeckergeist. Und das dann zu teilen, darum geht es.

RONDO: Sie improvisieren gerne, wann haben Sie diese Fähigkeit entdeckt?

Debargue: Ich habe von Anfang an improvisiert. Eine gute Interpretation sollte wie eine Improvisation klingen. Mikhail Pletnev ist für mich ein Vorbild, bei ihm hatte ich im Konzert den Eindruck, dass das Stück zum ersten Mal gespielt wird. Das ist auch mein Anspruch, diese Frische zu erreichen.

Neu erschienen:

„Zal – The Music of Miłosz Magin“

mit Debargue, Kremerata Baltica, Kremer

Sony

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Publikumsliebling

Lucas Debargue wurde 1990 in Paris als Sohn einer OP-Schwester und eines Kinesiologen geboren. Im Sommer 2015 nahm Debargue am 15. Internationalen Tschaikowski-Wettbewerb teil, wo er als Außenseiter eingeschätzt wurde und nur den 4. Platz erreichte, aber zum Publikumsfavoriten avancierte. In der Finalrunde überzeugte er die Mehrheit der Jury nicht, daraufhin distanzierten sich nach Bekanntgabe der Wertung die russischen Jurymitglieder Boris Beresowski, Denis Matsuev und Dmitri Baschkirow von der Entscheidung. Schirmherr Valery Gergiev lud ihn gegen alle Regeln zum Preisträgerkonzert und zu einer anschließenden Konzertreihe im Mariinski-Theater ein.

Regine Müller, RONDO Ausgabe 4 / 2021



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