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(c) Felix Broede

Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Dirigent Christoph Eschenbach liest während des Lockdowns in seiner Pariser Wohnung „Die Brüder Karamasow“ von Dostojewski, lernt Bruckner-Sinfonien auswendig und spielt Mozart. Dagegen enthält die „Piano Lessons“-Box, die jüngst erschien, Werke aller möglichen Folterknechte bürgerlicher Klaviererziehung – also von Czerny, Hummel, Dussek, Clementi etc. Die Aufnahmen wurden schon vor Jahrzehnten im „Haus Eschenbach“ in Monte León auf Gran Canaria aufgenommen; also in der heutigen Villa von Justus Frantz. „Wir hatten uns das Haus gemeinsam gebaut, damals“, so Eschenbach. – Über die legendäre Freundschaft zu Vladimir Horowitz erzählt Eschenbach: „Mein Freund Gian Carlo Menotti hatte das eingefädelt. Ich nahm mir vor: Du spielst nichts!“ Es nützte wenig. „Horowitz hatte sich in den Finger geschnitten, ließ es sich aber trotzdem nicht nehmen, mir Schumanns ‚Kreisleriana‘ vorzuspielen.“ Den Blick seiner Frau Wanda, als sie um 23 Uhr nach Hause kam, werde er nie vergessen. „Ich müsse mich jetzt verabschieden, sagte er.“ Die französisch-dänische Sopranistin Elsa Dreisig ist Tochter einer Sängerin, war aber nie deren Schülerin. „Es war immer schwierig für mich, vor meiner Mutter zu singen“, so Dreisig in Berlin. „Meine Mutter braucht fünf Minuten, um meine gesanglichen Schwächen auf den Punkt zu bringen.“ Eine Mischung aus Peinlichkeit und Neid habe verhindert, dass es zu mehr kam. Wichtiger sei gewesen, dass ihre Mutter „mich ständig mit ins Theater nahm“. Sie meinte, das werde nicht langweilig sein. „Goldrichtig! Theaterluft war die beste Schule für mich. Nach den Proben war immer ich es, die meiner Mutter die Meinung sagte – nicht umgekehrt.“ Pianist Hinrich Alpers hat die neuentdeckte „Erinnerung“, ein Frühwerk von Engelbert Humperdinck, erstmals auf CD eingespielt. Alpers sieht den Unterschied zwischen Humperdinck und dem (ihn fördernden) Richard Wagner nicht zuletzt in den pianistischen Fähigkeiten beider Komponisten. „Humperdinck komponiert kunstvoll für das Klavier, während man bei Wagner erkennen kann, dass er kein sehr guter Pianist gewesen ist.“ Wagner könne man vom Blatt lesen. – Macht ja nichts. Deswegen bleibt Wagner dennoch der bessere Komponist. Mezzo-Sopranistin Eva Randová (85), eine der wichtigsten Küsterinnen in Leos Janáčeks „Jenůfa“ (weil sie die Rolle nicht keifte, sondern tatsächlich sang), lebt heute in Böblingen. 34 Jahre lang gehörte sie der Staatsoper Stuttgart an, da sie als alleinerziehende Mutter für zwei Kinder zu sorgen hatte. Sie sang auch Ortrud in der bekannten „Lohengrin“-Aufnahme unter Georg Solti. Das Set sei nicht schlecht, so Randová. „Nur wunderte es mich, dass man mit Jessye Norman eine Elsa verpflichtet hatte, die selber fast eine Ortrud war.“ Die besagte Küsterin habe sie deswegen so gesanglich angelegt, weil sie dies in der tschechischen Tradition, nämlich in Prag und Brünn so kennengelernt hatte. „Wir haben bei uns die Rolle nie als eine Art hysterische Klytämnestra aufgefasst“, erzählt sie. „Die Kostelnička ist eine fromme, durch Erziehung geprägte Frau, die zur Tat getrieben wird. Eine Leidende!“ In Stuttgart habe sie die Rolle in mehr als drei Jahrzehnten nie gesungen. „Dort hat man das Werk einfach nicht gemacht.“ Alte Musik-Dirigent Reinhard Goebel, zugleich Gründer der Musica Antiqua Köln, glaubt den Grund dafür erkannt zu haben, dass Mozart als Sinfoniker immer unbeliebter wird: „Die Repertoiretorte ist ein fester Kreisel“, sagte er in Siegburg, seinem Domizil in Deutschland. „Wenn da was Neues reinkommt, fliegt was anderes raus. So geschah es ja auch schon mit Louis Spohr oder Bernhard Molique.“ Noch wichtiger: „Mozart ist für moderne Orchester a pain in the ass.“ Zu wenige Klarinetten, nur zwei Hörner. „Bei den ‚Bildern einer Ausstellung‘ dagegen ist immer die Hölle los.“

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2021



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