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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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(c) Harald Hoffmann

Aaron Pilsan

Auf Komma und Cent

Der Pianist hat Band 1 des „Wohltemperierten Klaviers“ auf einem Steinway eingespielt – und zwar mit eigens ausgetüftelter Stimmung.

Endlich mal wieder ein Interview von Angesicht zu Angesicht! Ein reales Gespräch ohne die üblichen Aussetzer, Ruckeleien und Tonstörungen der ewigen Zoom- und Skype-Schaltungen, die seit Beginn der Pandemie das Geschäft so mühsam machen. Wir treffen uns in Berlin, Aaron Pilsans aktuellem Lebensmittelpunkt. In gebührendem Abstand erzählt der Pianist von seinem aktuellen Bach-Projekt, das von Corona sogar profitiert hat: „Das Timing war gerade richtig, denn ohne Ablenkung war es so möglich, dass ich mich fast drei Monate ausschließlich mit diesem Werk beschäftigen konnte. Noch dazu hatten wir den Luxus von fünf Aufnahmetagen, und auch für das Abhören konnten wir uns wochenlang Zeit nehmen. Es war eine ungewöhnlich intensive Arbeit und deshalb ideal.“ Aaron Pilsan beschäftigt sich mit Bachs Wohltemperiertem Klavier, seit er 16 Jahre alt ist. Die Aufnahme verblüfft schon beim ersten Reinhören mit einem ungewöhnlichen Reichtum an Stimmungen und Klangfarben, besser gesagt an Klangwelten, die jedes Präludien-Fugen-Paar als ganz eigenen Kosmos erklingen lassen, atmosphärisch und klanglich in sich schlüssig. „Stimmung“ ist hier durchaus im doppelten Sinn zu verstehen, denn Pilsan spielt zwar auf einem modernen Steinway-Flügel, der aber „wohltemperiert“ gestimmt ist, was eben nicht ganz der heute üblichen gleichstufigen Stimmung entspricht, die bekanntlich ein Kompromiss ist. Das Thema Stimmungen ist eine Wissenschaft für sich, die Aaron Pilsan bereits seit langer Zeit umtreibt. „Auf die Thematik bin ich in meiner Mathematik-Matura-Arbeit gestoßen, in der ich die Verhältnisse der Intervalle untereinander berechnet habe. Bei der wohltemperierten Stimmung wird es sehr kompliziert, weil es kein einziges Intervall mehr gibt, das komplett rein ist. Die gleichstufige ist schon einfacher, da jeder Abstand um ein 12tel-Komma falsch klingt.“ Obwohl Aaron Pilsan mit der historischen Aufführungspraxis vertraut ist, hat er für seine Bach-Aufnahme einen modernen Flügel gewählt, weil er glaubt, dass damit die Möglichkeiten am größten sind. Alle Instrumente hätten jeweils ihre Vor- und Nachteile. „Das Cembalo hat diese obertonreiche Klarheit, aber keine Dynamik. Mit der Orgel ist es ähnlich, aber ich habe einen größeren Klang. Beim Clavichord kann ich feiner abstufen als am modernen Instrument, sogar Vibrato einsetzen, aber ich habe nicht die Fülle des Klangs. ‚Klavier‘ bezeichnete damals ja kein spezifisches Instrument. Es ist bekannt, dass Bach das Wohltemperierte Klavier im Kreis der Familie gespielt hat, es sind aber auch einige Stücke ganz sicher für Orgel gedacht. Um den Bogen zu kriegen für das gesamte Werk, war der Flügel für mich das Beste.“ Technisch betrachtet wurde der Steinway für die Aufnahme mehrfach „wohltemperiert“ gestimmt, aber in einer „relativ sanften Version“, die von einem Bachforscher entwickelt wurde und auf einem Steinway funktioniert. Probeweise wurden zunächst nur die vier Oktaven gestimmt, die man für das Werk braucht, für die Aufnahme wurde dann das ganze Instrument gestimmt, damit auch die nicht aktivierten Saiten wohltemperiert mitschwingen.

Bilder einer Halbtontreppe

Bachs Sammlung von je 24 Präludien und Fugen ergibt rund 55 Minuten konzentriertester Musik, 48 Miniaturen mit jeweils eigener Dramaturgie, die sich zu einer Gesamt-Dramaturgie addieren müssen. Eine Herkules-Aufgabe? „Live im Konzert ist es wirklich hart, sehr anstrengend “, gibt er zu, „die letzte Fuge hat zwölf Halbtöne im Thema, das ist fast schon Schönberg.“ Die Gesamtdramaturgie folge auch dem spezifischen Charakter der Tonarten, an deren tradierte Lehre sich Bach teils gehalten, ihr teils auch originell widersprochen habe, erklärt Pilsan. „Es beginnt mit dem berühmten C-Dur-Präludium mit gebrochenen Dreiklängen, sehr entspannt. Dann kommt die Fuge, relativ schlicht, trotzdem komplex. Nach c-Moll und Cis-Dur kommt dann cis-Moll, das ist eine langsame Courante, sehr gesanglich, klagend, aber die Fuge dann ist monumental, mit drei Themen und fünf Stimmen, eines der Themen ist wie ein Marsch durch die Wüste im Alten Testament. So entwickle ich eine musikalische Landschaft.“ Die wohltemperierte Stimmung habe ihre großen Vorteile: „C-Dur klingt viel besser als gewohnt, nicht so kalt!“ Die Wahl eines modernen Flügels für Bach könnte man durchaus auch als Bekenntnis zu einer in der romantischen Tradition stehenden Interpretation verstehen. Bei Pilsan ist aber das genau nicht der Fall, denn er hat sich nicht nur intensiv mit historischer Aufführungspraxis beschäftigt, Hammerflügel, Cembalo und Clavichord gespielt (und selbst gestimmt!), er spielt auch ganz aus dem Geist einer rhetorisch verstandenen Phrasierung, artikuliert schlank, führt die Stimmen transparent und geht äußerst sparsam mit dem rechten Pedal um. Aaron Pilsans Repertoire reicht vom Barock in die unmittelbare Gegenwart. Den jeweiligen stilistischen Interpretationsansatz versteht er im Sinne einer eigenen Sprache: „Ich passe mich dem Werk an und nicht umgekehrt. Ich frage mich also immer, welche Mittel benutze ich, um den Charakter eines Werks zu treffen? Dabei gilt es selbst bei einem Komponisten noch zu differenzieren. Für den frühen Beethoven brauche ich andere Mittel als für den späten.“

Erscheint Anfang April:

Bach

Das Wohltemperierte Clavier I

mit Pilsan

Alpha/Note 1

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Wohltemperierte Karriere

Aaron Pilsan ist als Sohn österreichischer und rumänischer Eltern 1995 in Vorarlberg geboren, studierte seit dem 12. Lebensjahr in Hannover bei Karl-Heinz Kämmerling, nach dessen Tod bei Lars Vogt, den er bis heute als seinen Mentor bezeichnet. Er konzertiert in großen Sälen wie dem Wiener Konzerthaus und der Londoner Wigmore Hall und bei internationalen Festivals. Mit Bachs Wohltemperiertem Klavier war er bereits bei den Thüringer Bachwochen und beim Bach Festival Montréal zu Gast. Der passionierte Kammermusiker arbeitet regelmäßig zusammen mit Isabelle Faust, Sharon Kam, Emmanuel Tjeknavorian und Kian Soltani und erhielt zahlreiche (Förder-)Preise.

Regine Müller, RONDO Ausgabe 2 / 2021



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