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N° 1224
23. - 29.10.2021

nächste Aktualisierung
am 30.10.2021



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(c) Raffay Zsófi

Ferenc Snétberger

Reich an Musik

Die Gitarre ist sein Leben – und kaum ein anderer Musiker hat den Jazz auf sechs Nylon-Saiten derart inspiriert wie er.

RONDO: Ihr Vater ist Sinto, Ihre Mutter Romni: Inwieweit hat dieses ethnische Erbe in der Musik Ihres Vaters als Gitarrist eine Rolle gespielt?

Ferenc Snétberger: Die Gitarre ist das Instrument der Sinti, während für ungarische Roma eher Geige, Klarinette oder Cimbalon typisch waren. Mein Vater spielte in Bars Musik der Roma wie auch des Sinti Django Reinhardt und ich wuchs damit auf. Es hat Spaß gemacht, diese Musik zu hören und selbst zu spielen – mein eigenes Wirken und Schaffen indes hat die Klassik weit mehr beeinflusst. Schon als Teenager habe ich nach anderen Musikformen gesucht und angefangen, klassische Gitarre zu studieren – und das hat mein Leben geändert und damit auch meine Musik.

RONDO: Musik habe in der Roma-Kultur immer eine sehr große Rolle gespielt, sagen Sie selbst: „Sie hilft uns, die Traurigkeit über die Armut zu vergessen.“

Snétberger: Das stimmt – wir waren eine sehr arme Familie und die Musik hat uns viele schlechte Dinge einfach vergessen lassen. Wenn ich aus der Musikschule nach Hause kam, habe ich sogleich immer alles Mögliche geübt: Stücke von Bach oder Jazz – ich war so tief in dieser Musik versunken, dass ich alles Schlechte vergessen habe. Für mich war die Musik stets eine große Stütze – ja, wahrscheinlich die größte Stütze überhaupt, denn sie wurzelte tief in der Seele.

RONDO: Nun gab es in Ihrer Familie ja nur eine Gitarre …

Snétberger: … und das war eine Katastrophe! (lacht) Denn so gab es immer Kämpfe um die Gitarre zwischen meinen zwei Brüdern und mir. Mein Vater spielte in Bars und wenn er dann abends mit seiner Gitarre nach Hause kam, haben wir schon gewartet. Und am nächsten Tag ging es weiter: erst mein großer Bruder, dann der zweite – ich war immer der letzte … Weshalb ich heute auch zwei Zimmer voller Gitarren habe und nicht weiß, was ich mit all diesen Instrumenten machen soll, denn lediglich drei oder vier nutze ich regelmäßig. Aber das ist wahrscheinlich ein Kindheitstrauma … (lacht)

RONDO: Die Armut war das eine, doch darüber hinaus hatten Sie als Roma-Familie in Ihrer Kindheit in der ungarischen Provinz auch mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Snétberger: Es war eine kleine Stadt im Norden Ungarns, unmittelbar an der slowakischen Grenze. Alle Roma-Familien arbeiteten in der dortigen Fabrik – dennoch war Armut in unseren Familien weit verbreitet und die Distanz zwischen Roma und Nicht-Roma sehr groß. Eine Situation, die sich bis heute nur wenig verändert hat, wie ich bei meinen alljährlichen Aufnahmegesprächen für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien feststelle, für die ich in Ungarn eine Musikschule aufgebaut habe. Und auch der Rassismus gegenüber Sinti und Roma besteht unverändert fort …

RONDO: Haben Sie solch eine Ausgrenzung auch in der Schule erlebt?

Snétberger: Sehr oft – es gab natürlich Lehrer und auch Schüler, die uns nicht mochten. Ab der siebten Klasse musste ich ohne Vorwarnung nung auf eine andere Schule wechseln, auf der ausschließlich Roma waren. Ich habe es nicht verstanden, zumal ich kein schlechter Schüler war – heute weiß ich: Als Roma haben wir dort einfach nicht hineingepasst. Es war schon schwierig und die Musik im Grunde die einzige Möglichkeit, um dieser Situation zu entkommen.

RONDO: Als 13-Jähriger haben Sie mit klassischem Gitarrenunterricht begonnen – was hat Sie dann später zum Jazzgitarrenstudium in Budapest bewogen?

Snétberger: Das hatte natürlich auch mit meinem Vater zu tun, denn der Jazz war bei uns zuhause immer da! Wenn ich eben noch Bach geübt hatte, spielte ich in der nächsten Stunde bereits einen bekannten Jazz-Standard – und so habe ich schon früh gelernt, wie man über Bach improvisieren kann, was für mich unglaublich wichtig war. Insofern ist der Jazz stets präsent gewesen: Bis heute kann ich ohne Jazz und Improvisation als Musiker nicht leben.

RONDO: Ihre große musikalische Leidenschaft gilt der Improvisation – woher rührt diese Vorliebe?

Snétberger: Vermutlich von meinem Vater – sie ist einfach schon immer da gewesen. Und ich glaube, so etwas ist auch schwierig zu erlernen: Man muss einfach das Talent haben und dann kann man viel damit erreichen. Wenn man einmal die Freiheit gekostet hat, spontan auf der Bühne Musik entstehen zu lassen, ist es schwer, dies wieder aufzugeben. Ich habe allergrößten Respekt vor Interpreten klassischer Musik, die zwar nicht improvisieren können und doch der notierten Musik ihre ganz eigene Stimme verleihen. Im Jazz aber geht es einfach nicht ohne Improvisation, denn diese Fähigkeit eröffnet uns Musikern eine unglaubliche Freiheit und beschert uns ein unbeschreibliches Glück – pure Gänsehaut!

RONDO: Welche Rolle hat Bachs Musik bei Ihrer Begeisterung für die Improvisation gespielt? Schließlich hatte auch er in seinen Noten keineswegs alles fest notiert.

Snétberger: Genau – nicht nur in seiner Familie haben sie damals einfach improvisiert. Schade, dass dies heute bei uns nicht mehr so selbstverständlich ist – in unserer Schule indes lernen die Kinder zu improvisieren. Wir nehmen uns dann etwa ein Barockstück für Laute vor und ich zeige ihnen, wie man darüber improvisieren kann – und wie modern diese scheinbar so alte Musik doch ist. Manchmal mache ich das auch im Konzert: Ich spiele ein bekanntes Bach-Werk und improvisiere anschließend darüber – oder auch umgekehrt. Da das Publikum diese Stücke oft kennt, hören sie durch das Improvisieren bestimmte Themen oder Passagen auf einmal viel besser: Die Ohren sind ganz weit auf – und man braucht im Grunde keine Noten.

RONDO: Die erwähnten Improvisationskurse sind nur ein Teil des Lehrangebots in Ihrem Snétberger Music Talent Center, das Sie vor zehn Jahren in einem Dorf nahe des Plattensees eröffnet haben – für sozial benachteiligte Kinder aus Roma-Familien. Was hat Sie dazu bewogen?

Snétberger: Ich hatte das schon immer machen wollen, nicht zuletzt aufgrund meiner eigenen Erfahrungen. Zwar liegt mein Geburtsort gar nicht so weit von Budapest entfernt, doch für mich war es damals als Jugendlicher eine Weltreise, zumal ohne Geld und Wohnung, ein Aufbruch in eine unbekannte Welt – und das war sehr schwer. Insofern hatte ich mir immer vorgestellt: Wenn ich es eines Tages irgendwie schaffen sollte, möchte ich solch eine Ausbildungsstätte aufbauen für talentierte Kinder, die aufgrund ihrer Herkunft und ihres sozialen Status kaum Möglichkeiten einer musikalischen Ausbildung haben. Es geht dabei auch darum, Selbstbewusstsein aufzubauen: Es ist schwer, an sich zu glauben, wenn man arm ist, in einfachsten ländlichen Verhältnissen aufwächst und noch dazu Roma ist.

Neu erschienen:

„Hallgató“, Werke von Snétberger, Schostakowitsch, Dowland, Barber

mit Snétberger, Keller Quartett, Lázár

ECM/Universal

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Feine Gesellschaft

Bobby McFerrin und Markus Stockhausen, James Moody oder Django Reinhardt: Seine unbändige Neugier ließ Ferenc Snétberger im Laufe seines Musiker-Lebens verschiedenste Kollegen kennenlernen – und oft mündeten diese Begegnungen in Konzerten und Aufnahmen. Nun also mit dem Keller Quartett seiner berühmten Klassik-Landsleute: Getroffen hatte der Gitarrist den Primarius und Dirigenten bei einer Aufführung seines Werkes „In Memory of my People“. Schnell entstand die Idee, das Orchesterstück als Quintett zu arrangieren – und führte schließlich zum gemeinsamen Konzert in der Budapester Liszt-Akademie. Auf dem Live-Mitschnitt „Hallgató“ finden sich neben Snétbergers Werken Stücke von Schostakowitsch, Barber und Dowland.

Christoph Forsthoff, RONDO Ausgabe 2 / 2021



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