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(c) Irene Zandel

Boulevard

Ein Schuss Jazz, eine Prise Film, ein Löffel Leichtigkeit: Bunte Klassik

Willemsens Landschaften-Vermächtnis

Als Roger Willemsen im Jahre 2016 viel zu früh verstarb, verlor die Welt nicht nur einen großen Literaten. Willemsen suchte auch immer die Verbindung von der Literatur zu anderen Bereichen, forschte nach Möglichkeiten der gegenseitigen Verstärkung mit Theater, Film oder auch Musik. Nur ein einziges Mal konnte er selbst noch mit einem Programm auf der Bühne stehen, dass er mit der Geigerin Franziska Hölscher und der Pianistin Marianna Shirinyian konzipiert hatte, und in dem er Texte und Musik verbinden wollte. Willemsens einfühlsame Reiseeindrücke aus Berlin, und Rügen, Belgrad und Schwaben, aus Bayern und vom Meer erscheinen hier eingebettet in kommentierende und resonierende Musikstücke von Bach bis Ravel, von Webern bis Gershwin. Sie erweitern die mit Menschen und Begebenheiten angefüllten Text-Landschaften zu einem größeren Raum. Die Rolle des Rezitators übernimmt die Schauspielerin Maria Schrader – eine Aufgabe, die Willemsen ihr selbst noch im Lauf seiner Krankheit anvertraute. Damit sind Willemsens „Landschaften“ ein Vermächtnis – passend zu dessen fünften Todestag.

Roger Willemsen: Landschaften

mit Schrader, Hölscher, Shirinyian

Zweitausendeins

Schellackwelten im Fernrohr

Schallplatten sind Zeitkapseln, und die ältesten von ihnen entführen uns in Welten einer mittlerweile weit zurückliegenden Vergangenheit. Man kann historische Aufnahmen im Original hören, man kann sie aber auch als Sprungbrett für ein neues klangkreatives Projekt nutzen. Genau das hat der Produzent und Komponist Christian Löffler nun getan. Zwischen 1911 und 1930 entstanden die Einspielungen, die seinen „Reworks“ zugrunde liegen: Beethoven unter der Leitung von Hans Pfitzner, Richard Strauss und Otto Klemperer, eine Bach-Aufnahme des Pianisten Alfred Grünfeld, die „Moldau“ unter Erich Kleiber und einiges andere liefert den durchschimmernden Hintergrund der von Löffler dazu produzierten Elektrorhythmen und akustischen Verwischungen. Die neblig-geisterhaften Collagen zwingen dazu, die Ohren zu spitzen. Dabei kann man – etwa im Fall der hellen Stimmschichten des gerade so zu erahnenden Thomanerchors mit einer Bach-Kantate – Überraschungen erleben. Das Ohr richtet sich auf die ein Jahrhundert alten Klangereignisse so aus, wie es das Auge durch ein sehr langes Fernrohr tun würde.

Parallels: Shellac Reworks by Christian Löffler

DG/Universal

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Farbiger Barock-Frohsinn

Eigentlich begleitet es die Barockmusik brav und treu wie das Schlagzeug den Pop: das Cembalo. Da ist es ja fast frech, wenn sich ein Ensemble der Alten Musik „Cembaless“ nennt. Doch was durch den Verzicht auf den typischen silbrigen Klang verloren geht, ersetzt das temperamentvolle Septett durch viele andere Farben. Der Titel „Passacaglia della Vita“ spielt auf die vielen Wege des Lebens an, aber auch auf die volkstümlichste musikalische Form der Barockzeit. Die immer neuen, natürlich oft lustvoll improvisierten Variationen über vorgegebene Akkordfolgen zeichnen diese Wege nach – hier zu hören mit Theorbe, Gambe, Flöten, arabischen Trommeln, Gesang und Gitarre. Dabei streifen die sieben durchaus die Grenzen des „Barock-Folk“, etwa in einem mitreißenden Fandango. Das Cembalo vermisst man jedenfalls überhaupt nicht.

Cembaless: Passacaglia della Vita

Naxos

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Einwanderer! Einwanderer?

Als der Musiker Nitin Sawhney im Mai 1964 im englischen Rochester geboren wurde, war er ein frisch auf die Welt gekommener britischer Staatsbürger. Und doch ließ und lässt man ihn immer wieder spüren, dass andere das nicht so einfach sehen. Er fühlte sich als Immigrant betrachtet, obwohl er doch von nirgendwo anders in sein Land gekommen war. Solchen und wirklichen Einwanderern gibt Sawhney mit seinem aktuellen Album eine Stimme – unter anderem Dhruv Sangari, Aruba Red, Gina Leonard und vielen anderen. Vielfalt ist bei „Immigrant“ also Programm, freilich bewegt sich das ganze Album im großen Sammelbecken des Elektrooder Folk-Pop-Bereichs, in dem überall der eigene Stil des kreativen Filmmusikproduzenten und Remixers Nitin Sawhney durchscheint.

Nitin Sawhney: Immigrants

Sony

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Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 1 / 2021



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