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(c) Christine Schneider Photography

Valer Sabadus

Elegie und Esprit

Auf seinem neuen Album stellt der Countertenor Arien von Bach und Telemann einander gegenüber: ein Treffen zweier Giganten.

RONDO: Viele Musiker haben einen sehr persönlichen Zugang zu Bach. Welcher ist Ihrer?

Valer Sabadus: Bach hat mich bereits in meiner Kindheit in Rumänien geprägt: Kurz vor der Revolution, Ende der 80er-Jahre, war ein großer politischer Umbruch in der gesamten Gesellschaft zu spüren, und wir alle wussten, dass die schreckliche Diktatur Ceausescus ein jähes Ende nehmen würde. Zuhause bei uns lief oft die Schallplatte mit Bachs Toccata und Fuge in d-Moll. Nach den ersten paar Takten kam es mir immer so vor, als würde das gesamte rumänische Volk wie eine majestätische Orgel seine Stimme erheben, um dann – plötzlich – mit dem verminderten Septakkord den Höhepunkt des Schreckensregimes einzuläuten. Rein intuitiv habe ich dadurch eine sehr starke und spirituelle Beziehung zu Bachs Musik aufgebaut, aus der ich noch heute stets neue Energie schöpfe.

RONDO: Welche Rolle hat Bach bisher in Ihrem Repertoire gespielt?

Sabadus: Bis dato leider eine eher untergeordnete. Ich habe einen irrsinnigen Respekt vor Bachs Genius und seinen unzähligen Meisterwerken, nur liegen mir die meisten seiner Werke stimmlich nicht besonders. Was das Bachsche Gesamtwerk angeht, befinde ich mich in einer Art „interpretatorischen Zwickmühle“. Als eher hoher Countertenor (oder besser gesagt: Mezzosopran) liegen mir die meisten zentralen Partien der Passionen sowie der geistlichen und weltlichen Kantaten zu tief, während die Sopran-Partien etwas zu hoch liegen. Nichtsdestotrotz habe ich es in den letzten Jahren geschafft, mich in der ein oder anderen Alt- und Sopran-Partie in den Passionen, der h-Moll-Messe und dem Magnificat sowie im Weihnachtsoratorium und diversen Solo-Kantaten stimmlich als Countertenor zu behaupten.

RONDO: Vermutlich hat es auch deshalb so lange gedauert, bis Bach in Ihrer Diskografie aufgetaucht ist …

Sabadus: Wenn man sieht, wie viele fantastische Referenzaufnahmen es von allen Bachschen Werken gibt, muss man für sich selbst nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden, ob sich eine weitere Bach-CD mit seinen „Hits“ lohnt. In diesem Fall habe ich mich dafür entschieden, weil ich Bekanntes von Bach mit völlig unbekannten Telemann-Arien kombiniert habe. Bei der Auswahl aus den rund 50 Opern, die Telemann während seiner Hamburger Zeit für das Opernhaus am Gänsemarkt komponiert hat, war mir übrigens der Musikwissenschaftler und hochgeschätzte Countertenor-Kollege Flavio Ferri-Benedetti eine große Hilfe.

RONDO: Wie sind sich der große Bach und der große Telemann auf ihrem neuen Album musikalisch nähergekommen?

Sabadus: Auch wenn Telemann im Vergleich zu Bach eher ein Schattendasein fristet, sind sein OEuvre, aber auch seine Produktivität beachtlich. Ich finde seine Musik ausgesprochen vielgestaltig, abwechslungsreich und in jedem Augenblick dramatisch pulsierend. Durch das oftmals sehr exotische Kolorit in seinen Werken ergänzt er die Erhabenheit und Komplexität Bachs sehr treffend. Meiner Meinung nach harmonieren die beiden Komponisten genau durch diese Reibung zwischen Elegie und Esprit so gut miteinander.

RONDO: Nach vorangegangenen Aufnahmen mit sehr virtuosem Repertoire: Worin bestehen die technischen und künstlerischen Herausforderungen der Stücke auf dem neuen Album?

Sabadus: Hier ist es Telemann, der die Rolle des moralischen Virtuosos übernimmt. Nicht umsonst galt er zu Lebzeiten als Meister des „vermischten Geschmacks“. Ich habe das Gefühl, als würde hier bei allen Anforderungen an die Kehle – beispielsweise in der Arie „Hò disarmato il fianco“ aus der Oper „Flavius Bertaridus“ mit ihren halsbrecherischen Koloratur-Kaskaden – immer wieder auch eine Prise Sarkasmus in den Accompagnati mitschwingen. Etwa in der Szene des Honoricus aus dem Singspiel „Sieg der Schönheit“. Im Gegenzug rufen Bachs Werke immer eine gewisse Seelenruhe hervor. Da darf nichts gekünstelt klingen, es muss alles von Herzen kommen. Meiner Meinung nach besteht für uns Countertenöre bei Bach die größte Herausforderung darin, die stimmlichen und expressiven Anforderungen gleichermaßen gut in den Griff zu bekommen: Koloraturgewandtheit, deutliche Artikulation, ausdrucksvolle Kantabilität, Ausdauer sowie sicheres Intonations- und Phrasierungsvermögen. Erst wenn man all diese Attribute gut beherrscht und jede Silbe des Textes verinnerlicht hat, ohne jemals zu pathetisch zu werden, kann man Bach angenehm und unforciert singen.

RONDO: Als Datum der Aufnahme ist der März 2019 angegeben. Nun erscheint das Album aber erst knapp zwei Jahre später. Ist die Pandemie schuld an den Verzögerungen bei der Veröffentlichung?

Sabadus: Ja, in der Tat! Die CD sollte ursprünglich im Frühjahr 2020 erscheinen. Corona hat uns, dem Kammerorchester Basel und mir, einen ordentlichen Dämpfer verpasst. Anderseits muss man die Verzögerung auch positiv betrachten: Gerade jetzt wirkt diese sinnliche, kontemplative Musik Bachs und Telemanns wie Balsam auf den verwundeten Seelen und spendet viel Trost und vielleicht auch Zuversicht, dass die Zeiten wieder besser werden! Für diesen Zeitraum haben wir immerhin auch eine gemeinsame Tournee mit dem Programm dieses Albums geplant.

Neu erschienen:

Bach, Telemann

„Arias“

mit Sabadus, Schröder, Kammerorchester Basel

Sony

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Gute Nachbarschaft

1Im Gegensatz zu Händel kannte Georg Philipp Telemann seinen nur um wenige Jahre jüngeren Kollegen Johann Sebastian Bach persönlich. Die beiden Musikgrößen verband neben dem gemeinsamen Interesse für das aktuelle Musikgeschehen auch eine persönliche Freundschaft. Die Beziehung, die bis in Zeiten zurückreicht, als beide Komponisten an den benachbarten Fürstenhöfen von Sachsen-Eisenach und Sachsen-Weimar dienten, war so eng, dass Telemann sogar die Patenschaft für Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel übernahm. Die Stelle des Leipziger Thomaskantors bekam Bach übrigens nur, weil der eigentlich für dieses Amt vorgesehene Telemann aus finanziellen Gründen absagte.


Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 1 / 2021



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