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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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(c) Bernd Uhlig

Konzeptuelle Kilos

Berlin, Deutsche Oper: Wagners „Walküre“

Dieser Erste Abend des „Ring des Nibelungen“, inszeniert von Stefan Herheim, rückt an die Stelle des fast 35 Jahre lang gelaufenen, legendären Götz-Friedrich-„Rings“. Er hat damit eine ziemliche Erblast zu tragen. „Misswende folgt mir, wohin ich fliehe“, singt Siegmund im 1. Akt. Daher will Herheims „Ring“ ein ‚Flüchtlings- Ring‘ sein. Die ganze Bühne ist übersät mit Hunderten, Tausenden altmodischen Lederkoffern. Das Problem: Koffer mögen ein Bild für Emigration sein. Für Flucht sind sie es eher nicht, Flüchtlinge heute haben keine Koffer. Im Übrigen trägt Brünnhilde (herbstlich golden: Nina Stemme) ein Metallwams mit geflügeltem Helm wie in den Met-Walküren der 30er-Jahre. Die Auftritte erfolgen aus einem aufgeklappten Flügel. Soll sagen: Alle hier sind Kopfgeburten des in Wotan personifizierten Komponisten. Der tritt am Ende als Juden-Karikatur seiner selbst auf. Kurz: Hier wird sehr viel, aber nicht immer ganz genau gedacht. Sängerisch wäre die Aufführung heute kaum besser besetzbar. Dennoch klingt Lise Davidsen als Sieglinde fast, als sei sie schon eine Brünnhilde. Differenzierter: John Lundgren als kernig knarzender Wotan. Brandon Jovanovich ist ein Holzfäller-Siegmund von kanadischem Format. Fast übertroffen werden sie erstaunlicherweise durch Haus-Kräfte. Fantastisch ausnuanciert: Annika Schlicht als Fricka; sie sieht dabei aus wie Desirée Nick. Vorzüglich auch Andrew Harris (Hunding). In ihnen ist die Deutsche Oper so gut, dass sie die Superstars fast deklassiert. Als großes Problem der Aufführung, auch als deren Altlast, erweist sich der Dirigent Donald Runnicles. Einen so schlecht disponierten 1. Akt hat der Rezensent vorher noch nie gehört. Den Rest serviert Runnicles – weil er wohl Angst vor der eigenen Courage bekam – mit umso mehr Schmackes. Dies ist nicht konkurrenzfähig im mit Wagner übersättigten Berlin. Es ächzt der Abend unter seiner Überrüstung. Er bestätigt das Maß seiner Unausweichlichkeit: durch konzeptuelle Kilos. Er hat Übergewicht.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2020



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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