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(c) Petra Baratova

Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Der polnische Tenor Piotr Beczała hat CD-Veröffentlichungen seines „Lohengrin“ (er sang die Rolle in Bayreuth und Dresden) selbst verhindert. „Das lag auch daran, dass das Ergebnis aufnahmetechnisch schlecht war. Man hatte nachbearbeitet, alles klang völlig anders. Von Tonmeistern kriegt man in solchen Fällen gern gesagt, das müsse heutzutage so klingen. Damit bin ich aber nicht einverstanden“, so Beczała in Wien. „Mein iPhone klänge besser als das.“ Außerdem wäre von einer Wagner-Gesamtaufnahme das falsche Signal ausgegangen. „Es hätte wie der Beweis gewirkt, dass ich das Ufer wechsle. Das wäre fatal.“ Beczała will weiter Italienisches singen.
Die bulgarische Diva Raina Kabaivanska, eine der großen Primadonnen der Nachkriegszeit, singt mit 85 Jahren gelegentlich immer noch. „Ein Lied, eine kleine Arie, das geht schon“, so Kabaivanska zuhause in Modena. Ihren offiziellen Opernabschied gab sie in den 90er-Jahren in der Arena di Verona. „Es war an einem der Todestage von Maria Callas. Ich habe zu ihr gebetet: ‚Hilf mir!‘“, erinnert sie sich. „Das ganze Auditorium, einschließlich des Orchesters, gab mir eine standing ovation.“ In Verbindung mit ihrer Stiftung unterrichtet sie heute noch. Ihre bedeutendste Schülerin ist die Sopranistin Maria Agresta.
Auch Fernseh-Diva Felicia Weathers (83) gibt es immer noch. Ehemals beliebter Operngast in Shows von Karel Gott, Alfred Biolek oder im „Blauen Bock“, wohnt sie bis heute in der Münchner Innenstadt. „Karajan wollte mich als Salome engagieren. Das habe ich ihm abgesagt“, so Weathers. Und nennt sich heute „Mama Salome“. „Drei Urenkel habe ich, bin ein totaler Familienmensch.“ Online und als Lehrerin ist sie hochaktiv.
Christoph Schreiber, Neurologe und Impresario des Pianosalon Christophori in Berlin, kann seinen Konzertsaal gegenwärtig nur für 70 Besucher öffnen. „Wir müssen nachfragen, aus wie vielen Haushalten unsere Gäste kommen – und entsprechend leere Plätze lassen. Es gibt tausend Sonderwünsche“, so Schreiber. „Das Wiederloslegen war für uns ein wahnwitziger Aufwand.“ Machbar sei es nur als „ein kleines Kultur-Statement“ mit der Botschaft: Wir sind noch da. Denn: „Cybersex-Konzerte sind kein Ersatz.“ Riesige Gagen habe man noch nie zahlen können. „Jetzt ist es noch weniger. Wir sagen ehrlich, dass es uns, wenn von den Künstlern mehr verlangt wird, bald gar nicht mehr gibt. Wenn Ihr für 600 Euro dabei seid, herzlich willkommen!“
Der Tenor Sergei Romanovsky, russischer Belcanto-Sänger aus Lermontov, hatte keine Probleme damit, sich als „Rigoletto“-Herzog in der Inszenierung von Robert Carsen auszuziehen. Das Problem bestand nur darin, „dass das alles im Moskauer Bolschoi-Theater stattfand“. Da die Aufführung schon vorher an vielen Orten gelaufen war, konnte niemand mehr etwas daran ändern. „Bei der Premiere wurde geschrien und auch gebuht. Danach wurde es besser.“ Es sei ein Sprung ins kalte Wasser gewesen – aber nur wegen des Ortes. „Die Kollegen hatten mich alle schon auf der Generalprobe nackt gesehen.“
Die Sopranistin Aušrinė Stundytė, diesjährige Sängerin der „Elektra“ in der Jubiläumsproduktion der Salzburger Festspiele, hat bei einer Vorgängerinszenierung des Regisseurs Krzysztof Warlikowski in Paris eine Zehe verloren. Es geschah während einer Aufführung der „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitri Schostakowitsch, und zwar „kurz vor der Pause, wo ich barfuß auf der Bühne war.“ Als der Vorhang herunter ging, schrie sie: „I lost my toe!!“ Das große Suchen begann. „Ich verspürte keinerlei Schmerz und verlor auch kein Blut“, so Stundytė in einem Interview mit der Zeitschrift „Oper!“. „Als endlich ein Bühnenarbeiter mit dem Plastikbecher und meinem Zeh kam, wollte ich weitermachen. Der Arzt war dagegen.“ Auf die Frage, ob sie nun bei der „Elektra“ vorsichtiger sei, antwortete sie: „Nein, ich gehe gerne aufs Ganze. Sie müssen bedenken: Neun Zehen habe ich ja noch.“

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2020



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