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Schwarz steht Ihnen gut: In der Jubiläumssaison scheint der NDR Chor von Kürzungen bedroht (c) Peter Hundert/NDR

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Finger weg!

Runde Geburtstage kann man breitenwirksam mit Ohrwürmern zum Mitsummen feiern. Oder man bleibt auch im Jubiläumsjahr seinem erfolgreichen Weg und Profil treu und erweist sich einmal mehrals First-Class-Klangkörper für Rares und selten Gehörtes. Genau diesen Kurs schlägt nun auch der NDR Chor in seiner kommenden, besonderen Saison 2020/21 wieder ein. Am 1. Mai 1946 und damit vor 75 Jahren wurde dieser professionelle Chor nämlich gegründet. Und heute gilt er nicht zuletzt dank seiner jüngsten Chefs Philipp Ahmann und Klaas Stok (seit 2018) zu den überhaupt führenden Chören des Landes. Anlässlich des 75. Geburtstags präsentiert man nun vokale Spezereien aus vier Jahrhunderten, von Lully über Michael Haydn bis hin zur English Connection um Ralph Vaughan Williams. Und von dem Finnen Einojuhani Rautavaara offenbart man ein abendfüllendes „Vigilia“.
Soweit die Pläne für die unmittelbare Zukunft. Doch ob der NDR Chor sich darüber hinaus auch weiterhin solchen großen, aufwendigen Konzertprogrammen widmen wird, steht inzwischen leicht in den Sternen. Denn wie der verantwortliche öffentlich-rechtliche Sender gerade angedeutet hat, wird auch der NDR Chor angesichts geplanter heftiger Einsparungsmaßnahmen von 300 Millionen Euro umstrukturiert werden müssen. Im Klartext: der NDR Chor wird wahrscheinlich erneut radikal verschlankt. Oder wie es Gerard Mertens von der „Deutschen Orchestervereinigung“ in einem Statement erläutert hat: „Nach den bisherigen Verlautbarungen des Senders sollen Kürzungen bei den vier Klangkörpern u.a. dadurch erfolgen, dass bisher übliche Festanstellungen beim Chor aufgegeben werden. Stattdessen soll ein freies ‚Exzellenz‘-Ensemble aufgebaut, aber nur noch auf 50-Prozent-Teilzeitbasis arbeiten. Der NDR Chor wurde über die Jahre von ursprünglich 46 Mitgliedern immer weiter auf jetzt 27 verkleinert. Die neue Kürzung wäre wohl das Aus für den Chor in bisheriger Form.“ Neben dem NDR Chor befinden sich übrigens auch das NDR Elbphilharmonie Orchester, die NDR Radiophilharmonie sowie die NDR Bigband in der Diskussion. Erstaunlich. Schließlich wurde doch gerade nahezu zeitgleich von den Ministerpräsidenten aller Bundesländer ein neuer Staatsvertrag unterzeichnet, mit dem trotz aktueller GEZ-Milliarden-Überschüsse eine fette Erhöhung des Rundfunkbeitrags von bislang 17,50 Euro auf 18,36 Euro abgesegnet werden soll. Für den gebührenfinanzierten NDR Chor müsste davon dann doch eigentlich etwas abfallen können?!

Guido Fischer



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