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Musikstadt

Graz

Dreiklang: Opernhaus, Styriate und das Avantgardefestival „steirischer herbst“ bedienen in der Steiermark jeden Geschmack.

Ja, von Wien aus muss man über den Semmering, Niederösterreichs Grenze, um in die Steiermark zu kommen. Viele, sogar der Kaiser, sind schon hier zum Kuren hängen geblieben. Und auch das Umland dieser knapp 290.000-Einwohner-Stadt lockt. Der Wein, die Berge, die Lande. Dabei besitzt Graz – früher Gräz geheißen – wegen seiner Lage am Schnittpunkt europäischer Kulturen selbst eine jahrhundertealte Tradition als Kulturzentrum. Die Hauptstadt Innerösterreichs ab 1379 gewann größeren Einfluss im Alpen-Adria-Raum. Die romanischen und slawischen Einflüsse sind bis in die Gegenwart vor allem durch Bauwerke sichtbar. Ende 1999 wurde Graz für seine Altstadt von der UNESCO in die Liste der Weltkulturerbe aufgenommen. 2003 war es Kulturhauptstadt Europas. Seit 2010 zählt auch vor seinen Toren das Barockschloss Eggenberg zum Weltkulturerbe. Zu den wichtigsten Veranstaltungsorten gehören die Stadthalle auf dem Messegelände, die 11.000 Menschen Platz bietet, der schön kitschige Stefaniensaal im Congress Graz, wo der Grazer Musikverein seine Konzertserien veranstaltet, die Helmut-List-Halle sowie die Seifenfabrik. Einen gesellschaftlichen Höhepunkt des Jahres bildet, ähnlich wie in Wien der Opernball, seit 1999 die Opernredoute im Opernhaus. Entschieden weiblich – so präsentieren sich gegenwärtig die Bühnen der Stadt Graz: die repräsentative Oper à la Fellner & Helmer als stuckschaumverzierter Kulturstolz der steirischen Landeshauptstadt, aber auch das Schauspielhaus, das mit seinem altmodischen Logenrund architektonisch mehr als zwei Jahrhunderte auf dem Buckel hat. Die Emanzipation kam hier ganz leise. Es passierte nach und nach, organisch, vom Zufall gesteuert. Diese Spielzeit arbeiten hier vier Frauen in den Spartenspitzenpositionen. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Weltweit. Doch die Führungskräfte an der Oper berührt es eher peinlich, wenn man sie darauf anspricht. Sie wollen durch ihr Können, ihren Stil überzeugen, nicht durch ihre Chromosomenstruktur: Nora Schmid als Intendantin; dazu die in ihrer dritten und letzten Spielzeit wirkende, am überschaubaren Dirigentinnenmarkt bereits vielumworbene Generalmusikdirektorin Oksana Lyniv; sowie die ostdeutsche Ballettdirektorin Beate Vollack. Dazu kommt, künstlerisch in nächster Nähe, wenn auch organisatorisch abgetrennt, die Schauspieldirektorin Iris Laufenberg.

Von der Fuxjagd

Natürlich bedient man in Graz sein Publikum. Aber man fordert es auch heraus. Etwa mit Franz Schrekers „Der ferne Klang“, mit „Ariane et Barbe- Bleue“ von Paul Dukas, mit „König Roger“ von Karol Szymanowski. Dieses Jahr wagt man sich am 14. März, ihr Schöpfer wäre kürzlich 100 Jahre alt geworden, an die heikle KZ-Oper „Die Passagierin“ von Mieczysław Weinberg. Oksana Lyniv dirigiert, die hier schon öfter erfolgreiche Nadja Loschky inszeniert (siehe auch S. 31). Jagt den Fux. Keine Namenswitze! Diesen müssen wir machen. Erstens ist der, um den es geht, schon lange tot. Zumindest physisch. Und zweitens heißt er ja auch ein wenig anders als das geschweifte Raubtier. Denn dieser Johann Joseph Fux (um 1660–1741) ist Österreichs bedeutendster Komponist vor Mozart. Der in der Nähe von Graz Geborene wurde 1715 Hofkapellmeister in Wien, eines der wichtigsten Ämter im europäischen Musikleben. Er diente gleich drei Regenten, Kaiser Leopold I., Joseph I. und Karl VI. Fux’ einflussreichstes Werk wurde die Kompositionslehre „Gradus ad Parnassum“ von 1725, über die Grundlagen des Kontrapunkts, die bis ins 20. Jahrhundert Bestand hatte. Zum Halali der Fuxjagd nach fetter Musiktheater- Beute bläst man bei der Styriarte. Dieses Jahr vom 19. Juni bis zum 19. Juli. Immerhin gibt es etwa 18 Opernjuwelen zu sichten. Um diesen Schatz zumindest teilweise zu heben, wird das 1985 für den Grazer Nikolaus Harnoncourt gegründete und von diesem bis zu seinem Podiumsabschied 2015 aber immer für andere offen gehaltene steierische Festival bis 2023 zur Bühne der ersten Fux-Festspiele mit sechs Opern-Festen. So beleuchtet man alle Facetten, vom mythologischen Verwandlungs- bis zum historischen Heldenstück, mit zauberhaften Naturbildern diesen Sommer („Gli Ossequi della notte“), mit prickelnder Erotik, und all das voller Belcanto und voller Tanzmelodien. Passend um diese Opernhandlung hat sich Styriarte-Intendant Mathis Huber, längstgedienter Festivalchef in Österreich, das gleichlautenden Motto „Geschenke der Nacht“ ausgedacht. Passt gut in das historische Ambiente der Stadt an der Mur. Im Palais Attems, der Pfarrkirche Stainz, dem Stift Rain, mit alten Bekannten wie Jordi Savall, Andrés Orozco- Estrada oder dem Concentus Musicus. Die Styriarte folgt auch 2020 ihrem Anspruch, neue Formate zur Präsentation von Musik zu entwickeln, die deren Botschaften und Absichten unmittelbar erlebbar machen. Dann ist schon wieder Zeit für den Herbst. Nicht nur jahreszeitlich, sondern festspielmäßig. Denn der „steirische herbst“, das älteste (seit 1968) Festival für Neue Kunst in Europa, beschwor 2019 das „Grand Hotel Abyss“. Dieses Jahr ist man vom 24. September bis zum 18. Oktober für die Avantgardesüchtigen da. Davon erzählen wir nächstes Mal. Versprochen.


Über das Opernhaus

1Das Opernhaus Graz ist ein im neobarocken Stil errichtetes Ranglogentheater. Es wurde 1899 vom Wiener Architektenduo Fellner & Helmer erbaut und ist nach der Wiener Staatsoper das zweitgrößte Opernhaus in Österreich. Der Anspruch artikuliert sich durch die monumentale Formensprache seinen Ambientes und den opulenten, knapp 1.400 Plätze umfassenden Zuschauerraum samt pompösem Treppenhaus. Als Mehrspartenhaus pflegt man neben der Oper auch Ballett, Musical und Operette. Man eröffnete mit Schillers „Wilhelm Tell“, am nächsten Abend folgte Wagners „Lohengrin“. Eine wichtige Intendanz war die von Gerhard Brunner (1990–2001). Seit 2015 amtiert die Schweizerin Nora Schmid.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2020



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