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Der Nussknacker (c) Royal Opera House/Tristram Kenton

Royal Opera House

Vorhang auf – im Lichtspielhaus!

13 Produktionen überträgt Londons königliches Opernhaus 2019/20 live in deutsche und österreichische Kinos– darunter „Fidelio“ mit Jonas Kaufmann.

2014 staunte das Londoner Opernpublikum nicht schlecht über einen Schwerenöter, dessen Schandtaten man szenisch so noch nie serviert bekommen hatte. Der dänische Regisseur Kasper Holten hatte mit seinem Team aus Lichtdesignern und Video-Künstlern Mozarts „Don Giovanni“ in einer digitalen M. C. Escher-Welt spielen lassen. Der Wow-Effekt war gewaltig, auch unter dem eher konservativen Opernpublikum. Zwar sollte Holten drei Jahre nach dieser fulminanten Neuinszenierung seinen Direktorenposten am Londoner Royal Opera House für Nachfolger Oliver Mears räumen. Doch der Däne führt nicht nur weiterhin Regie an dieser Top- Adresse internationaler Opernhäuser. Sein „Don Giovanni“ läuft und läuft weiterhin glänzend und sorgt für reichlich Gesprächsstoff zum Ohrenschmaus. Zum Start in die neue Saison präsentiert das altehrwürdige Royal Opera House nun diesen Mozart-Coup in einer First-Class-besetzten Wiederaufnahme. Am Pult steht Hartmut Haenchen. Und im Vokalensemble werden Daniel Behle als Don Ottavio und Malin Byström als Donna Anna nur noch vom hünenhaften Bassbariton überragt – von Erwin Schrott, der die Titelpartie übernimmt.
Allerdings sind solche Gala- Aufführungen im Nu ausverkauft. Und nicht jeder kann sich kurzerhand einen Trip in die teure englische Hauptstadt leisten. Zum Glück aber gehört diese Mozart- Inszenierung zu insgesamt 13 Opern- und Ballettproduktionen, die das Royal Opera House in der neuen Saison 2019/20 live in über 200 Kinos in Deutschland und Österreich überträgt. Und so können sich am 8. Oktober die Opernfans von Hamburg bis Wien festlich versammeln, wenn sich um 19:45 Uhr der Vorhang des Lichtspielhauses hebt – zeitgleich mit dem des Royal Opera House in London.

Ganz große Oper

Sechs Opern und sieben Ballettproduktionen werden bis in den Juni 2020 hinein übertragen. Und schon die Musiktheater-Termine haben es allesamt in sich. Gleich drei Neuproduktionen sind in der neuen Spielzeit zu sehen. Nur wenige Tage nach dem „Don Giovanni“ hat Donizettis „Don Pasquale“ seinen großen Auftritt. In der Regie von Damiano Michieletto kann der walisische Stimmkollege von Erwin Schrott, Bryn Terfel, auch seine stimmschauspielerisch komödiantische Klasse unter Beweis stellen. In der Partie der Norina steht Terfel übrigens mit Olga Peretyatko eine russische Belcanto- Nachtigall der Sonderklasse zur Seite.
Das Beethoven-Jahr 2020 wird sodann einen seiner ersten Höhepunkte mit einem brandneuen „Fidelio“ haben. Die Premiere der Neuinszenierung von Tobias Kratzer lässt sich natürlich der musikalische Hausherr Antonio Pappano nicht nehmen. Zumal das Sängerensemble gleich zwei Top- Gäste zu bieten hat: Jonas Kaufmann ist in der Rolle des politischen Gefangenen Florestan und Lise Davidsen als seine Frau Leonore zu erleben. Zum Saisonausklang kommt dann einer der ultimativen Opern-Thriller auf die Bühne des Royal Opera House: Richard Strauss´ „Elektra“, bei der Regisseur Christof Loy und Bühnenbilder Johannes Leiacker einen fulminanten Rahmen für Nina Stemme als Elektra und Karita Mattila für die Königin Klytämnestra bereiten (auch hier leitet Pappano das Orchester der Royal Opera). Seinem Spitzen-Ruf und Anspruch gerecht wird das Londoner Haus bis in die Wiederaufnahmen hinein. So sind immerhin in Puccinis „La Bohème“ Sonya Yoncheva und Charles Castronovo zu erleben. Roberto Alagna und Aleksandra Kurzak übernehmen dagegen die Hauptrollen in Mascagnis und Leoncavallos „Cavalleria rusticana/Pagliacci“.
Großes Erbe und zeitgenössische Bilder- und Bewegungssprachen verbindet auch das Londoner Ballett-Repertoire auf allerhöchstem Niveau. Da ist mit „Dornröschen“ ein absoluter Klassiker des Royal Ballet zu sehen. Immerhin stand die Choreografie von Marius Petipa schon 1946 auf dem Programm dieser Weltklasse- Kompagnie.
Darüber hinaus finden sich schon jetzt zwei Weltpremieren im Fokus der internationalen Tanzkritik. So stellen im Mai 2020 Choreograf Wayne McGregor, Komponist Thomas Adès sowie die Künstlerin Tacita Dean ihr „Dante-Projekt“ erstmals der Öffentlichkeit vor. Zuvor erinnert die junge Choreografin Cathy Marston an die legendäre Cellistin Jacqueline du Pré. Für dieses spannende Projekt hatte Marston zusammen mit dem künstlerischen Leiter des Royal Ballet, Kevin O‘Hare, du Prés ehemaligen Ehemann Daniel Barenboim besucht. Und nachdem man ihm von ihrem Plan erzählt hatte, war der Meisterdirigent nicht nur gerührt, wie Kevin O‘Hare danach berichtete. „Er sagte: ‚Ja, macht es!‘“

Infos und Tickets:

www.roh.org.uk/cinemas
www.rohkinotickets.de


ROH im Feinschliff

Der Grundstein für das heutige Royal Opera House („ROH“) an der Bow Street wurde 1858 gelegt. Damals wurde das Haus nach einem erneuten Brand, der den Vorgängerbau 1856 völlig zerstört hatte, mit Meyerbeers „Les Huguenots“ neu eröffnet. Seitdem sind hier Legenden wie Maria Callas, Margot Fonteyn, Luciano Pavarotti and Rudolf Nurejew aufgetreten. Im Jahr 2000 wurde das Haus nach einer mehrjährigen Renovierungspause, für die rund 180 Millionen Pfund aufgebracht wurden, der Öffentlichkeit zurückgegeben. Laut den Verantwortlichen sollen sich die besten Plätze übrigens in der 10. Reihe befinden. Es handelt sich im Parkett der Reihe K um die Plätze 7, 14, 15, 16 und 26.


Reinhard Lemelle, RONDO Ausgabe 4 / 2019



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