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(c) Christoph Köstlin

Jan Lisiecki

Der Goldjunge

Mit den Klavierkonzerten von Felix Mendelssohn schließt der Kanadier Jan Lisiecki zur Gruppe der fünf besten Jung-Pianisten auf.

Das Einzige, was man gegen den Mann sagen kann: kein Anzug-Typ! War es vielleicht die zu groß geschnittene Konfirmanden-Kluft? Als Jan Lisiecki mit weit unter 20 Jahren, ein Teenager noch, erstmals europäische Konzertbühnen betrat, wunderte man sich. Die blonde Tolle geriet zwar schon kunstvoll aus der Form. Auch moderierte der Junge auf eloquente Weise sogar etliche Werke an, bevor er sie spielte. Mit dem Äußeren aber schien er zu hadern. Wer ihm hinter der Bühne im kobaltblauen Shirt mit bunt verdrehtem Schal begegnete, in jeweils schreienden Farben, traf einen anderen Menschen an. Doch er bekennt sich zum Einreiher. „Das Konzert sollte eine feierliche, besondere Sache sein. Ich bleibe formell.“
Inzwischen hat der junge Kanadier seine bereits sechste (!) CD veröffentlicht. Die Entwicklung war glänzend. Mit seinem Markenzeichen, einer eigenwillig ostinaten Behandlung der Mittelstimmen, ist Lisiecki (sprich: Lischetzki) einer der wenigen jungen Pianisten mit ausgeprägter Handschrift. „Eleganz, Transparenz und Persönlichkeit sind die Dinge, auf die es mir ankommt“, sagt er. „Bei einem Instrument wie dem Klavier, bei dem man gleichzeitig so viele Töne spielen muss, sollte man sich bemühen, eine gewisse Klarheit herzustellen.“
Klarheit liegt auch im Bekenntnis zu seinen Wurzeln. „Ich lebe in Calgary, wo ich geboren wurde, und das ist mir sehr wichtig.“ Geboren als Sohn polnischer Einwanderer, spricht er zuhause die Muttersprache der Familie: polnisch. Seine Verwandten blieben im Übrigen in Osteuropa. „Meine Familie ist aus Polen, und ich freue mich jedes Mal für das polnische Publikum zu spielen. Bei dieser Gelegenheit sehe ich auch oft meine Großeltern, die in Polen wohnen, was sehr schön ist.“ Die Eltern begleiten den heute 23-Jährigen sowieso. „Sie wechseln sich ab“, so Lisiecki, „und dafür bin ich ihnen sehr dankbar.“
Damit sind reichlich viele Termine gemeint. Über 100 Abende habe er im vergangenen Jahr gespielt, so Lisiecki. Sein Repertoire- Schwerpunkt: zwischen Mozart und Chopin. „Wobei ich immer finde, dass man Chopin mehr wie Mozart als wie Rachmaninow interpretieren sollte“ – also nicht zu schwer. „Ein schöner Klang kann mit einem Porträt verglichen werden. Es geht nicht nur um das Gesicht, sondern um den Hintergrund, die Farben, die Augen und alle Details, die das Bild wirken lassen“, so Lisiecki.
„Vor allem ist es wichtig, sich Werke zum richtigen Zeitpunkt vorzunehmen.“ Nachdem er Mozart auf CD eingespielt habe und das Schumann-Konzert unter Leitung von Antonio Pappano, sei für ihn Mendelssohn die genau richtige Adresse. „Die beiden Klavierkonzerte werden noch nicht so häufig programmiert. Ich freue mich daher, dass ich nicht nur mit dem Album diese Konzerte mit dem Publikum teilen kann, sondern auch bei sehr vielen meiner Konzerte.“ Natürlich erfülle Mendelssohn ganz den romantischen Gestus und die Gefühlswelt, die man sich von dieser Epoche wünscht. Das steigere sich bis zu tränenden Phrasen und bis zu Stellen, die zu bersten scheinen. Engagiert hat sich Lisiecki hierfür das Orpheus Chamber Orchestra, ein Ensemble, das gern zur ‚Avantgarde von gestern’ gerechnet wird.

Romantischer Galopp

„Das Orpheus Chamber Orchestra ist ein Solistenensemble, bei dem jeder einzelne Musiker einen individuellen Beitrag liefert. Das macht sie absolut besonders“, so Lisiecki über seine Wahl. „Sie spielen ohne Dirigenten, und auch ich avanciere bei dieser Gelegenheit nicht zum Leiter.“ Da er mit heute 23 Jahren immer noch blutjung ist, mag man sich fragen, wie Lisiecki selbst seine künftige Entwicklung einschätzt. „Ich muss offen bleiben“, sagt er. „Natürlich ist es schwierig, den einen lebensverändernden Moment zu benennen. Ich halte es simpel – ich bin bereit!“ Die Einflüsse ändern sich, der Künstler folgt. Keine unkluge Ansicht. Wie alles, was Lisiecki sagt, wird auch sie mit ungeheurer Spontaneität hervorgeschnellt. Der Junge muss kaum einen Augenblick überlegen.
Auch auf die Frage, ob man als Pianist eigentlich zu gut aussehen könne, sprudelt prompt eine ganze Philosophie des Musikers hervor. „Es scheint, Menschen brauchen immer eine Form der Kategorisierung“, so Lisiecki, „sei es das Alter oder das Aussehen. Das funktioniert in der Musik aber nur bedingt.“ Nun sollte man in dieser Hinsicht die amüsante Tatsache nicht außer Acht lassen, dass Lisiecki auch heute noch mit Rübezahlschritten zur Bühne stakst, die baumlange Gestalt ungelenk wiegend wie im Wind. Er hat den knabenhaften Nimbus kaum abgelegt. Sein Anschlag, ein goldener Ton, ist durchaus ein ‚Goldjungen-Ton’: beneidenswert jugendlich, prall, knackig. Nicht von zu viel Tiefsinn umdüstert. Weshalb er mit Mendelssohn, einem durchaus jugendlichen Komponisten, gut bedient ist. Außer den beiden Klavierkonzerten gibt es hier noch die „Variations sérieuses“ op. 54 und das Rondo capriccioso op. 14 (sowie das „Venezianische Gondellied“).
Übrigens, leicht identifizierbar ist gutes Aussehen bei klassischen Musikern immer daran, dass sie vom Fotografen nicht zum Lachen genötigt werden. Jan Lisiecki, der mit dem neuen Album zur Spitzengruppe der fünf besten Jung-Pianisten vorrückt (neben Trifonov, Blechacz, Grosvenor, etc.) … bleibt ernst.

Neu erschienen:

Felix Mendelssohn-Bartholdy

Mendelssohn

Jan Lisiecki, Orpheus Chamber Orchestra

DG/Universal


Attacke der Betagten

Maßgebliche Aufnahmen der beiden Mendelssohn- Konzerte stammen immer noch von Rudolf Serkin (unter Ormandy, 1957/59) und Murray Perahia (mit der Academy of St Martin in the Fields, 1974/81, beide Sony). Später kamen András Schiff (Decca) und neuerdings Martin Helmchen (unter Leitung von Herreweghe, Pentatone). Wer’s historischer mag, greife zu Ronald Brautigam, der auch die Frühwerke eingespielt hat (BIS). Die „Variations sérieuses“ hat Michael Korstick schön eingespielt (cpo). Britischer tut’s Stephen Hough (Hyperion). Das „Rondo capriccioso“ gibt’s von Claudio Arrau (SWR music), Jorge Bolet (Decca) und sogar, sehr kapriziös, von Shura Cherkassky (Ermitage).


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2019



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