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Fröhlicher Zweifel: Dieter Schnebel † © Schott Music/Peter Andersen

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Erneuerer und Versöhner

Für die neueste Ausgabe seiner Unterhaltungsshow „Bio´s Bahnhof“ hatte Alfred Biolek im März 1982 die unterschiedlichsten Gäste nach Köln-Frechen eingeladen. Milva und Mario Adorf waren gekommen, Emil Steinberger und Martha Mödl. Während aus den USA Sammy Davis Jr. herübergejettet war, reiste die „Arbeitsgemeinschaft Neue Musik“ extra aus München an, um dem Millionen-Publikum vor den Fernsehern eine ziemlich surreale Vokalshow zu bieten. „Maulwerke“ lautet das Stück, bei dem die menschlichen Artikulationsorgane außer Rand und Band gerieten, flüsterten, stotterten, stammelten, hechelten, gurrten und schlürften. Selbst Star-Entertainer Davis soll begeistert von dieser Münchner Vokaltruppe gewesen sein. Komponist Dieter Schnebel bewies mit diesen „Maulwerken“ einmal mehr, dass die Neue Musik tatsächlich mehr als nur etwas für Experten sein konnte.
Dass sich Schnebel auf so eine, für zeitgenössische Komponisten ungewöhnliche Bühne einließ, war aber im Grunde nicht verwunderlich. Wenngleich der 1930 in Lahr im Schwarzwald geborene Komponist in den 1950er Jahren schon früh engen Kontakt zu den Wortführern der Nachkriegsavantgarde, zu Stockhausen, Nono und Boulez, Kontakt hatte und auch mit Adorno als geistig-musikphilosophische Instanz kommunizierte, löste er sich schon bald aus den Insiderzirkeln und befragte mit bisweilen augenzwinkernd anmutenden Werken Traditionen und Moden. Anfang der 1960er Jahre stellte er seine Serie „Visible Music“ vor, bei der etwa ein Dirigent gestenreich die Stille dirigiert – während das Publikum sich die Musik dazu denken muss. Bei den Donaueschinger Musiktagen präsentierte Schnebel viel später, 1992, seine rund 150-minütige „Sinfonie X“, mit der er auch die Gattung hinterfragte. Und dass er selbst im reifen Alter von 70 Jahren einen Hang zum Absurden besaß, bewies er im Jahr 2000 mit der musikalischen Aktion „Harley-Davidson“, bei der neun Biker entsprechend der Gesten eines Dirigenten ihre Maschinen aufheulen lassen.
Dieter Schnebel war eben nie ein musikalischer Clown, Scharlatan, Luftikus. Ähnlich wie sein großes Idol John Cage und sein Weggefährte Mauricio Kagel betätigte sich der studierte Theologe und spätere Religionslehrer mit seinen Werken als großer Zweifler an jeder Form von Dogmatismus. Mit seinen sprachmusikalischen Experimenten machte er so schon Ende der 1950er Jahre auf sich aufmerksam. Im historischen Jahr 1968, in dem endgültig der Wille zur Emanzipation auf allen gesellschaftlichen Feldern ausbrach, legte Schnebel sodann endgültig den Grundstein für ein großes Vokalkonvolut abseits einengender Konventionen. Sechs Jahre lang untersuchte er da die stimmphysiologischen Voraussetzungen, mit denen jeder Einzelne spricht oder singt. Und heraus kamen die „Maulwerke“, in denen es um die Erforschung und Umsetzung der elementaren, vokalen Ausdrucksskalen, aber auch um ihren kommunikativen Charakter geht. Abseits davon befragte Schnebel stets auch unermüdlich die Vergangenheit. In dem Orchesterstück „Diapason“ von 1977 spannt er den Bogen quer durch die Geschichte der abendländischen Musik. In seinem Zyklus „Re-Visionen“ unterzog er alte musikalische Meister einer Neubelichtung. Schnebels Essays etwa über Schubert und Janáček gehören weiterhin zur absoluten Pflichtlektüre für alle Musikinteressierten. Und zu seinen editorischen Großtaten zählt auch die Herausgabe ausgewählter Schriften der Antipoden Stockhausen und Kagel.
Im Alter von 88 Jahren ist Dieter Schnebel, dieser Erneuerer und Versöhner der Neuen Musik in einer Person, am vergangenen Pfingst-Wochenende gestorben.

Guido Fischer



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