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Die Gezeichneten (c) Iko Freese

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

„Die Entarteten“: Eben war es möglich, in Lyon und Berlin zwei der bedeutendsten Werke jener so produktiven Musiktheaterepoche zwischen 1918 und 1933 zu erleben: Alexander von Zemlinskys süffig ausgezirkelten „Kreidekreis“ nach Klabund, und Franz Schrekers Opus Magnum „Die Gezeichneten“.
Im „Kreidekreis wird zeittypisch experimentiert, Melodram, Jazzsaxofon, Shimmy, Pentatonik und silbrige Belcanto-Emphase sind fein verwoben. In Lyon fächert Lothar König solches mit Klangraffinement auf. Das gute Parabel-Ende sieht Regisseur Richard Brunel anders, nämlich als die zerplatzende Euphorie- Illusion einer offiziell zu Tode Gespritzten. Hier triumphiert die Schurkin, Yü-Pei, skrupellose Erstfrau des Mandarin Mr. Ma. Die eine singt Nicola Beller Cabone mit gustiöser Schärfe. Den anderen verkörpert der sich vom Sugar Daddy zum liebenden Ehemann wandelnde Martin Winkler. Sie werden überstrahlt durch die zarte Ilse Eerens als Haitang.
„Die Gezeichneten“ waren 1918 der viel gespielte, schon vor 1933 verpuffte Sensationserfolg Franz Schrekers. Dieser opulente Dreiakter ist ein morbider Psycho-Thriller in der Maske der Renaissance. Das ergibt Wiener Finde- Siècle-Klangopulenz, unfassliches Tonalitätsgewimmel, gespreizte Reizharmonik, montiertes Raffinement. Erstklassig serviert wird es von Stefan Soltesz und dem Orchester der Komischen Oper.
Auch deshalb, weil es so wenig zu sehen gibt. Der einstig blutige Wilde Calixto Bieito erzählt mit einem zahmen Thesentheater zwei klinisch kühle Akte lang semikonzertant von der Schönheit im Hässlichen und dem Hässlichen im Schönen. Diese Männergesellschaft schmieriger Alphatierchen besteht aus lauter Päderasten. Sie gehen ihrem Laster auf einer Insel namens Elysium nach. Alviano, den Peter Hoare tenorgrell singt, ist der zum Narziss gewordene bucklige Außenseiter. Auch die Malerin Carlotta glaubt, eine „Gezeichnete“ zu sein, außerhalb der Gesellschaft zu stehen. Ausrine Stundyte verkörpert sie als Kunstdomina, vokal von schriller Vehemenz. Als Figur fasziniert einzig Tamare als Rivale Alvianos. Der geschmeidige Michael Nagy gibt ihm mit biegsamem Bariton ungeahnte Delikatesse.
Wir wechseln nach Madrid. Denn in kaum einer Kunstform wird der Kulturenknall zwischen Amerika und Europa so überdeutlich wie in der zeitgenössischen Oper. Hier das Festklammern am Elfenbeinturm einer Sägezahn- Moderne, da die Sehnsucht nach großen, möglichst durch Buch, Bühne oder Film schon vorgekauten Themen in Starbesetzung. Beim angerührten Publikum im Teatro Real geht das auf: Jake Heggies nach dem Tatsachen- Buch von Sister Helen Prejean und dem gleichnamigen Hollywood-Film modellierte Oper „Dead Man Walking“ über Sinn und Unsinn der Todesstrafe wurde ein heftig akklamierter Erfolg. Das in zwei Gesamtaufnahmen vorliegende Werk dürfte mit über 300 Aufführungen in mittlerweile 58 Produktionen seit 2000 die weltweit meistgespielte zeitgenössische Oper sein. In Madrid begreift sich Leonard Foglia als dienender Szenendirektor, und Mark Wigglesworth ist ein wirkungsvoller Klangverwalter. Zudem steht ein stimmiges Ensemble auf der Bühne. Das reservierte Mitgefühl der Sister Helen von Joyce DiDonato setzt überwältigende Zäsuren in seiner intensiven Schlichtheit. Stark auch Barihunk Michael Mayes als uneinsichtiger, am Ende ergebener Joseph De Rocher. Das Teatro Real hatte den Mut, mal eine andere, durchaus gültige Art von Musiktheaterästhetik zu ihrem Recht kommen zu lassen.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 1 / 2018



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