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(c) Gregor Hohenberg

Claire Huangci

Und nicht zu knapp

Die amerikanische Pianistin verblüfft durch ihre stupende Technik – mit Leichtigkeit. Zur Geltung bringt sie die jetzt in Beethovens Klavierkonzert op. 61.

Zierlich und klein, ja fast zerbrechlich – so sehen also die schnellsten Finger der Welt aus? Claire Huangci lacht: „Oh nein, das ist ja nur ein Zitat gewesen – und außerdem gibt es Pianisten, die schneller spielen als ich.“ Nun, immerhin war es Vladimir Krainev, legendärer Klavierpädagoge und international gefragter Solist und Kammermusiker, der ihr schon 2007 bei der Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule in Hannover diesen Weltmeistertitel verlieh: hörbar beeindruckt von Tempo und Virtuosität, mit der die damals 17-Jährige durch Chopins zweite Sonate gerauscht war. Und bis heute sorgt die Tastenstürmerin für Aufsehen ob ihrer wieselflinken Finger und einer Motorik, die bisweilen zum reinsten Tastenspuk gerät.
Ergebnis ihrer Lehr-Zeit am Curtis Institute in Philadelphia Anfang dieses Jahrtausends: „Meine beiden dortigen Lehrer Eleanor Sokoloff und Gary Graffman haben damals sehr viel Wert auf die Ausbildung einer tadellosen Technik gelegt“, erinnert sich das zarte Persönchen. Gerade einmal zwölf Jahre alt war die kleine Claire, als sie dort parallel zur Schule ihr Studium begann, in einer Welt, die sehr von Leistungsdenken geprägt war – „machten wir im Unterricht bei einem Stück einen Fehler, mussten wir das Werk noch einmal von vorn anfangen: Manchmal hat das dann auch in Tränen geendet.“ Vor allem motivierte es aber die amerikanische Teenagerin chinesischer Abstammung zu eigenen Höchstleistungen: Gerade einmal fünf Studenten fanden sich damals in Graffmans Klasse, unter ihnen auch Yuja Wang. „Studierte sie Prokofjews zweites Klavierkonzert, dann haben wir anderen das auch gespielt – das war eine sehr positive, fordernde wie fördernde Konkurrenz, bei der doch jeder seinen eigenen Stil entwickeln konnte.“

Stilfragen

Nicht zuletzt in Sachen Mode, denn wo ihre drei Jahre ältere Kollegin schon früh auf extravagante, gern auch knappe Kleider setzte und den rauschenden Auftritt liebt, kommt Huangci nicht nur zum Gespräch burschikos-entspannt in Jeans, Shirt und Sweatjacke daher. „Ich bin ein sehr bodenständiger Mensch, trage selbst auf der Bühne fast nie Makeup – und das hier ist schon das Höchste in puncto High Heels“, womit die 27-Jährige auf ihre Plateau- Schuhe zeigt. „Ich brauche das einfach nicht – mir ist wichtig, dass ich mich auf der Bühne in meiner Kleidung wohl fühle und genügend Bewegungsfreiheit beim Spielen habe. Nicht, dass sonst noch die Musik abgewürgt wird, denn ich hatte schon Kleider, die zu eng saßen …“
Nun, inzwischen tun das die ausgewählten Stücke ihrer Garderobe offenbar nicht mehr. Jedenfalls hat die Tastenstürmerin über ihre immense Spielfreude hinaus eine Musikalität und Farbenfreude entwickelt, denen die vermeintliche technische Leichtigkeit lediglich als Sprungbrett für eine ganz eigene (Aus-)Gestaltung dient. Vor allem bei Chopin gelingen ihr so immer wieder Interpretationen, die aufhorchen lassen – wie etwa ihre Einspielung aller Nocturnes, für die sie ein jedes einzelne der Kleinode mit von ihr ausgewählten Gedichtzeilen seiner Zeitgenossen wie Baudelaire, Musset oder Hugo verbunden hat. „Ich wollte dem Hörer eine Vorstellung der vielen und tiefen Emotionen geben, die in diesen Werken liegen“, erzählt die junge Frau. „Und da Chopins Liebesbriefe Liebesgedichten gleichen und seine Art zu schreiben wie Musik klingt, schienen mir Verse französischer Dichter für diese Idee ideal.“
Ein Brückenschlag zwischen den Künsten, den nicht zuletzt ihr Lehrer Arie Vardi angeregt hat: 2007 war Huangci zu dem Meistermacher nach Hannover gekommen, nachdem dieser sie in einer Probestunde „schwer beeindruckt“ hatte. „Er wollte von mir Mozarts d-Moll-Fantasie hören, und ich dachte noch, die sei doch viel zu einfach – aber dann haben wir eine ganze Stunde lang am Klang gearbeitet, und ich habe festgestellt, wie viel ich hier noch lernen kann.“ Heute ist die Schülerin von einst Vardis Assistentin und unterrichtet selbst an der Hochschule für Musik, Theater und Medien; sie hat überdies in der niedersächsischen Landeshauptstadt eine neue Heimat gefunden und liebt es, dort am Maschsee oder in den Herrenhäuser Gärten spazieren zu gehen. Was am Ende auch sein Verdienst sei, denn: „Er hat mich meinen eigenen inneren Frieden finden lassen.“
Der manchmal sogar eine äußere Verwandlung nach sich zieht, wie an diesem Abend: In einem langen, körperbetonten Kleid betritt die Pianistin da den Konzertsaal, trägt voller Eleganz dessen leuchtend rote Schleppe in der linken Hand, während auf ihrem bloßen Rücken glitzernde Zierketten funkeln. Am Ende ist eben auch in der Klassikwelt der Auftritt eine Frage des Stils. Claire Huangci hat den ihren zweifellos gefunden.

Neu erschienen:

Ludwig van Beethoven

„Rarities“ (Klavierkonzert op. 61, Wellingtons Sieg op. 91, Musik zu einem Ritterballett WoO1)

Claire Huangci, Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt, Howard Griffiths

Klanglogo/Naxos


Konzert für Klavier und Pauke

Im Original lernte Claire Huangci Beethovens Opus 61 schon zu Kinderzeiten kennen. „Meine Schwester spielte Geige, und im Auto haben wir oft das Violinkonzert gehört – auch wenn ich es ziemlich doof fand, dass wir auf Fahrten immer Klassik hören mussten.“ Dass die Klavierbearbeitung des berühmten Werks vom Komponisten selbst stammt, Beethoven seinem Instrument für das Opus 61a sogar eine eigene Kadenz schrieb, hat die Pianistin indes erst viel später erfahren – und ihre Liebe zum nun aufgenommenen Klavierkonzert geweckt. Und sie ist glücklich, dass ihr neben dem Brandenburgischen Staatsorchester dabei dessen Chef zur Seite stand: „Howard Griffiths ist ein großartiger Dirigent.“


Christoph Forsthoff, RONDO Ausgabe 1 / 2018



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