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(c) Ida Zenna/Sony

Lautten Compagney

Rosenkranz-Tango

Erneut versöhnt das Ensemble rund um Wolfgang Katschner zwei gegensätzliche Sphären der Musik auf dem Barockwege – diesmal Biber und Piazzolla.

Kürzlich starb der Lautenist Konrad Ragosnik, vielleicht erinnern sich einige an ihn. Fast ein Pionier; die Laute spielte er mit hartem Zugriff, so als sei es eine Gitarre (tut man heute nicht mehr). Was uns daran gemahnt, dass die Laute, trotz herrlich leiser Unverwechselbarkeit, zu den wenigen Instrumenten gehört, denen ein Star-Virtuose bislang versagt blieb. „Die Laute ist ein meditatives Instrument“, sagt Lautenist Wolfgang Katschner. Er bringt damit zugleich den Grund für die Unauffälligkeit als auch die größte Stärke des Instruments auf den Punkt. Innerlich versenkter, zartsaitiger klingt nichts.
Die Berliner Lautten Compagney hat es mit ihrer Dezenz freilich übertrieben. Ihr Name – getrennt geschrieben, mit doppeltem t und „ey“ – lädt derart zur Falschschreibung ein, dass man die Vielzahl ihrer Alben in den Verkaufsportalen des Internets kaum findet. Es sind viele ungewöhnliche darunter, zum Beispiel „Bach ohne Worte“, „Die Reisen des Marco Polo“ (mit Eva Mattes) und „Händels Bart“. Letzteres ein Recital mit dem vom Ensemble favorisierten Tenor Kobie van Rensburg. Der Wünschelruten- Geschmack dieses Ensembles hat schon manchem Sänger zum Sprung nach vorn verholfen, so auch Simone Kermes. Am meisten aber der treu zu den Lautenkumpanen stehenden Sopranistin Dorothee Mields.
Mields, trotz englischem Anschein geboren in Gelsenkirchen, verfügt über einen der geradesten, insofern doch britischsten Soprane Kontinentaleuropas. Allerdings mit mehr Sinnlichkeit in der Stimme. Was sie für das jüngst erschienene Monteverdi-Album der Lautten Compagney „La dolce vita“ besonders qualifiziert. „Ein glockiger, natürlicher Klang“, so beschreibt Leiter Wolfgang Katschner die Sängerin. Zugrunde liegt dem Album die Idee eines Liederabends aus Monteverdi-Titeln für Sopran.
Also hat man aus Arien, Madrigalen und geistlichen Stücken alles extrahiert, was sich um Liebesdinge dreht und außerdem nicht niet- und nagelfest war. Mit dabei: das berühmte „Lamento d’Arianna“ aus dem 6. Madrigal- Buch, das „Nigra sum“ aus der Marienvesper und der Ballo aus „L’Orfeo“. Bei derlei lautenseliger Monteverdi-Mixtur mag sich die Herkunft, ob sakral oder profan, gelegentlich verschleifen. Wichtiger: Der intime Charakter wird besser deutlich als in den chorsatten, mit größeren Ensembles ausgestatteten Gesamtaufnahmen, die es sonst gibt.

Lauten-Kumpanei

„Der Spielraum bei Monteverdi wird wegen der sparsamen Notation oft für groß gehalten, aber nicht von mir!“, so Katschner. „Der Text setzt die Affekte.“ Lediglich bei der Instrumentierung sei man frei. „Egal aber wie man besetzt“, so Katschner, „die Substanz dieser Musik ist nicht kleinzukriegen“. Letzteres ist ganz ähnlich wie bei Bach – mag die Darstellung auch schwierig sein, doch die musikalische Substanz durchschlägt noch jedes Arrangement. Auch daran zeigt sich, dass man es mit absolut erstrangigen Komponisten zu tun hat.
Noch ungewöhnlicher als die Monteverdi-Lustpartie ist das neueste Projekt der 1984 gegründeten Truppe. Unter dem schlichten Titel „Misterio“ werden hier Rosenkranz-Sonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber mit den Tangos von Astor Piazzolla verschränkt. Was, in Gottes Namen, haben diese beiden miteinander zu tun?! – „Erstmal nix“, gibt Katschner offen zu. „Außer: Beide suchten durch Freiheit und Improvisation nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten.“ Entstanden ist eines der schönsten, weil mürbesten und lässigsten Alben des Ensembles seit vielen Jahren. Wunderbar!
„Zu Biber muss man wissen, dass er ein unglaublich virtuoser Geiger war, der für sich selbst komponierte – ein Paganini seiner Zeit.“ Obwohl es sich bei den Rosenkranz-Sonaten um sakrale Instrumentalmusik handelt (Meditationen über Stationen aus dem Leben und Leiden Jesu und Mariens), wusste Biber „nicht ein noch aus“ vor lauter Virtuosität. „Dem war langweilig!“, so Katschner. Dagegen hat Astor Piazzolla in „Fuga e misterio“ eine vierstimmige Fuge mit Tango-Thema komponiert. Auch seine übrigen, hier gespielten Werke, darunter „Oblivión“, „Jeanne y Paul“ und das berühmte „La Muerte del Ángel“, verleugnen ihren Unterhaltungscharakter nicht.
Freilich kam Piazzolla von der ernsten Musik her. Als Schüler Nadia Boulangers war er mittelmäßig. Daher überredete ihn die legendäre Lehrerin: ‚Lass das! Kannst du nicht lieber irgendwas mit Musik aus deiner argentinischen Heimat machen?!‘ – Die Geschichte wurde von Mitschüler Daniel Barenboim kolportiert.
Wo dermaßen E- und U-Musik verschränkt werden wie auf „Misterio“, liegt die Frage nahe, wo eigentlich die Grenze zwischen Lautten Compagney und -kumpanei verläuft? Das kann Gründer Katschner auch nicht so genau sagen. „Unser Name stammt aus dem 16. Jahrhundert und bedeutet Consort und Zusammenschluss.“ Die Diskussionen, sich doch noch umzubenennen, lägen inzwischen 20 Jahre zurück, immer habe man das verschoben. Irgendwann hätten die Mitglieder dann gesagt: „Klingt verschroben. Lass man.“

Zuletzt erschienen:

La dolce vita (Arien, Monodien und Instrumentales von Monteverdi)

Lautten Compagney, Wolfgang Katschner, Dorothee Mields

dhm/Sony

Erscheint Ende März:

Misterio (Biber: Rosenkranzsonaten, Piazzolla: Tangos)

Lautten Compagney, Wolfgang Katschner, Julia Schröder

dhm/Sony


Heilige Verspannung!

Der böhmische Geiger und Barock-Komponist Heinrich Ignaz Franz Biber (ca. 1644 – 1704) schuf vor allem Sakralmusik. Neben der monumentalen Missa Salisburgensis à 53 Vocis genießen hauptsächlich seine sogenannten „Rosenkranz-Sonaten“ Berühmtheit. Bei diesen 16 „Mysterien-Sonaten“ werden die Saiten der Violine abweichend gestimmt (Skordatur), teilweise auch zwischen Steg und Saitenhalter über Kreuz verspannt. – Der argentinische Bandoneon-Spieler und Tango-Komponist Astor Piazzolla (1921 – 1992) gilt als Begründer des Tango Nuevo, einer Kunstform des aus Südamerika stammenden Paartanzes. Er begann im Tango-Orchester von Aníbal Troilo und komponierte mehr als 300 Tangos, die auch in Europa als Inbegriff argentinischen Lebensgefühls gelten.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2018



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