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N° 1253
14. - 20.05.2022

nächste Aktualisierung
am 21.05.2022



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(c) Thomas Aurin/Salzburger Festspiele

Grandiose Wiederbegegnung: Aribert Reimanns „Lear“

Salzburger Festspiele (A)

Auch die letzte von fünf Opernpremieren bestätigte noch einmal den günstigen Eindruck des Salzburger Festivalsommers 2017: Unter Intendant Markus Hinterhäuser herrscht hier wieder Substanz mit Glanz, ernsthafte Auseinandersetzung mit wichtigen Werken, wirklich festspielhaft. Besonders grandios war die Wiederbegegnung mit dem nunmehr 39 Jahre alten „Lear“ von Aribert Reimann in seiner 28. Produktion. Was für ein starkes Stück, ergreifend, aufrüttelnd, einmal mehr in der Felsenreitschule als idealem Ort, sehr heutig von Simon Stone visualisiert. Ganz klar eine der bleibenden Opern des 20. Jahrhunderts. Ein Spiel der Mächtigen, bald aber Ohnmächtigen aus der Mitte der Festspielbesucher, wenn der König im Dinnerjacket plötzlich scheinbar zwischen den Gästen auf der mit Blumen geschmückten Bühne steht. So nah kam die Kunst dieses Jahr der Realität sonst kaum.
Doch der Feier-Naturalismus einer immer brutaler zerfledderten Wiese weicht einer strengen Stilisierung im zweiten Teil. Die Besucherstatisten auf der jetzt weißkahlen Szene werden ritualisiert in einem Blutsee geschlachtet, ein Reich und eine Weltordnung ersaufen im Menschensaft. Und der verrückte König im Trainingsanzug stirbt mit seiner verschmähten Tochter im Krankenbett in einer aseptisch weißen Wüstenei und verliert sich hinter Schleiern im Bühnennebel. Toll! Franz Welser- Möst und die Wiener Philharmoniker spielen das souverän als schroffe Klangfläche und humane Klage, im Schlagwerkgewitter und in der einsamen Litanei.
Handverlesen ist die Besetzung mit einem geschmeidig baritonklaren Gerald Finley als Lear an der Spitze. Evelyn Herlitzius und Gun- Brit Barkmins wirklich böses Schwesternpaar sind die famos kreischende Gier im besudelten Chanel-Kostüm, die herbe Jungmädchenhaftigkeit Anna Prohaskas als Cordelia blüht sanft. Vorzüglich auch die kleineren Rollen, Lauri Vasar als geblendeter Gloster, seine beiden so ungleichen Söhne waren Kai Wessel als schillernder Edgar und Charles Workman als mieser Edmund.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2017



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