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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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Tosca (c) Monika Rittershaus

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Vier Jahre haben wir darauf gewartet, gekämpft, Petitionen geschickt, gebetet, gehofft, gebarmt, geweint. Endlich hat der Klassikgott ein Einsehen gehabt: Schon letztes Jahr haben sich die seit 2013 gespaltenen und konkurrierenden Festspiele an der Oos und an der Salzach entzerrt, dieses Jahr macht die Sause an der Spree das Schlusslicht, und wir Melo-Junkies konnten endlich an einem Mammutwochenende alle drei österlichen Festivals-de-luxe abklappern. Drei Tage, eine Passion der anderen (Kunst-)Art. Hat es sich gelohnt? Nicht wirklich. N
icht Traditionsfisch noch Avantgardefleisch in BADEN-BADEN. Bei Philipp Himmelmann reichte es nur zu atmosphärelosen High-Tech-Kulissen mit Videoüberwachung, in der sich hoffnungslose Narzissten bewegen. Cavaradossi wird mit dem Bolzenschussgerät erledigt, Tosca richtet sich umständlich mit demselben Gerät. Kristine Opolais klingt früh verbraucht, eine kleine, metallische Stimme ohne Charisma. Marcelo Álvarez als Cavaradossi vom Dienst hört man seine über 150 Aufführungen an. Eine Enttäuschung ist Evgeny Nikitin als Scarpia, sein viel zu heller Bassbariton hat nichts Faunisches. Und Simon Rattle dirigiert herrlich, aber auch total undramatisch: eine „Tosca“-Sinfonie.
Wir enteilen nach SALZBURG, zur „Walküre“- Re-Kreation anlässlich 50 Jahre Osterfestspiele. Man hat Kulissenteile von damals nachgebaut. Das wirkt ziemlich prosaisch. Die mit Videos nachgemachten Projektionen ähneln Gepinsel. Darin dreht Inszenatorin Vera Nemirova in neuen Kostümen ihr eigenes Deutungs-Ding – unter Einbeziehung ihres Frankfurter „Rings“ von 2010. So wird weitgehend brav die Geschichte nacherzählt. Toll ist die Besetzung vom sehnig-schlanken Hunding Georg Zeppenfelds bis zur etwas kükenhaft trompetenden Anja Kampe in ihrer ersten Brünnhilde.
Christa Mayer kostet mit wolllüsternem Mezzovergnügen ihre Gattenschelte aus. Überhaupt der Wotan Vitalij Kowaljows: ein resignativer, doch würdiger Göttervater. Großartig auch die jugendliche Sieglinde-Debütantin Anja Harteros. Die ihren Veteranen-Siegmund Peter Seiffert anrührend wirken lässt. Christian Thielemanns Dirigat: Ein Mann, ein Befehl, und die Dresdner Fußtruppe folgt furchtlos. Das ist brillant und bis zum sanft abgesetzten Schlussakkord souverän disponiert. Eine Märchenerzählung von überzeitlicher Kraft und raffiniertem Reiz.
Ganz öde dann BERLIN. Vor fünf Jahren war diese „Frau ohne Schatten“ bereits in der üblichen Claus-Guth-Anmutung an der Mailänder Scala herausgekommen und an das Royal Opera House Covent Garden weitergewandert. Wir haben wieder: Christian Schmidts edelholzgetäfelten Rundsalon, eine Drehbühne, die schwarze Styroporfelsen reinschaufelt, Videoprojektionen, Doppelgänger in Gestalt diverse Tiermasken, ein Sanatorium. Guth liest Hofmannsthals längst abstrus-verschmockte Symbolanhäufung mit viel Küchenpsychologie. Aber taugt eine vierstündige Strauss-Oper als Schmerztherapie?
Zubin Mehta dirigiert laut, sehr laut. Phonstärkenmäßig gewinnt die überschrille Michaela Schuster als mittellagenstumpfe Amme. Als zweitgrellste geht Iréne Theorins Färberin ins Ziel. Ordentlich Stahl hat auch Camilla Nylund als sonst lyrischer besetzte Kaiserin zu bieten, aber sie weiß mit ihrem Material intelligent umzugehen, ihr gelingt eine bannende Figur zwischen Wahn und Wahrheit. Einen rustikalen Barak spielt und singt Wolfgang Koch. Dagegen liefert Burkhard Fritz als von keinerlei Darstellungsbemühung angekränkelter statuarischer Kaiser ebensolche tenorgesunden Stentortöne.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 3 / 2017



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