home

N° 1265
06. - 12.08.2022

nächste Aktualisierung
am 13.08.2022



Startseite · Konzert · Fanfare

Tosca (c) Monika Rittershaus

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Vier Jahre haben wir darauf gewartet, gekämpft, Petitionen geschickt, gebetet, gehofft, gebarmt, geweint. Endlich hat der Klassikgott ein Einsehen gehabt: Schon letztes Jahr haben sich die seit 2013 gespaltenen und konkurrierenden Festspiele an der Oos und an der Salzach entzerrt, dieses Jahr macht die Sause an der Spree das Schlusslicht, und wir Melo-Junkies konnten endlich an einem Mammutwochenende alle drei österlichen Festivals-de-luxe abklappern. Drei Tage, eine Passion der anderen (Kunst-)Art. Hat es sich gelohnt? Nicht wirklich. N
icht Traditionsfisch noch Avantgardefleisch in BADEN-BADEN. Bei Philipp Himmelmann reichte es nur zu atmosphärelosen High-Tech-Kulissen mit Videoüberwachung, in der sich hoffnungslose Narzissten bewegen. Cavaradossi wird mit dem Bolzenschussgerät erledigt, Tosca richtet sich umständlich mit demselben Gerät. Kristine Opolais klingt früh verbraucht, eine kleine, metallische Stimme ohne Charisma. Marcelo Álvarez als Cavaradossi vom Dienst hört man seine über 150 Aufführungen an. Eine Enttäuschung ist Evgeny Nikitin als Scarpia, sein viel zu heller Bassbariton hat nichts Faunisches. Und Simon Rattle dirigiert herrlich, aber auch total undramatisch: eine „Tosca“-Sinfonie.
Wir enteilen nach SALZBURG, zur „Walküre“- Re-Kreation anlässlich 50 Jahre Osterfestspiele. Man hat Kulissenteile von damals nachgebaut. Das wirkt ziemlich prosaisch. Die mit Videos nachgemachten Projektionen ähneln Gepinsel. Darin dreht Inszenatorin Vera Nemirova in neuen Kostümen ihr eigenes Deutungs-Ding – unter Einbeziehung ihres Frankfurter „Rings“ von 2010. So wird weitgehend brav die Geschichte nacherzählt. Toll ist die Besetzung vom sehnig-schlanken Hunding Georg Zeppenfelds bis zur etwas kükenhaft trompetenden Anja Kampe in ihrer ersten Brünnhilde.
Christa Mayer kostet mit wolllüsternem Mezzovergnügen ihre Gattenschelte aus. Überhaupt der Wotan Vitalij Kowaljows: ein resignativer, doch würdiger Göttervater. Großartig auch die jugendliche Sieglinde-Debütantin Anja Harteros. Die ihren Veteranen-Siegmund Peter Seiffert anrührend wirken lässt. Christian Thielemanns Dirigat: Ein Mann, ein Befehl, und die Dresdner Fußtruppe folgt furchtlos. Das ist brillant und bis zum sanft abgesetzten Schlussakkord souverän disponiert. Eine Märchenerzählung von überzeitlicher Kraft und raffiniertem Reiz.
Ganz öde dann BERLIN. Vor fünf Jahren war diese „Frau ohne Schatten“ bereits in der üblichen Claus-Guth-Anmutung an der Mailänder Scala herausgekommen und an das Royal Opera House Covent Garden weitergewandert. Wir haben wieder: Christian Schmidts edelholzgetäfelten Rundsalon, eine Drehbühne, die schwarze Styroporfelsen reinschaufelt, Videoprojektionen, Doppelgänger in Gestalt diverse Tiermasken, ein Sanatorium. Guth liest Hofmannsthals längst abstrus-verschmockte Symbolanhäufung mit viel Küchenpsychologie. Aber taugt eine vierstündige Strauss-Oper als Schmerztherapie?
Zubin Mehta dirigiert laut, sehr laut. Phonstärkenmäßig gewinnt die überschrille Michaela Schuster als mittellagenstumpfe Amme. Als zweitgrellste geht Iréne Theorins Färberin ins Ziel. Ordentlich Stahl hat auch Camilla Nylund als sonst lyrischer besetzte Kaiserin zu bieten, aber sie weiß mit ihrem Material intelligent umzugehen, ihr gelingt eine bannende Figur zwischen Wahn und Wahrheit. Einen rustikalen Barak spielt und singt Wolfgang Koch. Dagegen liefert Burkhard Fritz als von keinerlei Darstellungsbemühung angekränkelter statuarischer Kaiser ebensolche tenorgesunden Stentortöne.

Roland Mackes, 27.05.2017, RONDO Ausgabe 3 / 2017



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Die Sopranistin Fatma Said (*1991), Tochter eines ägyptischen Politikers, glaubt, dass sie […]
zum Artikel

Gefragt

Katharina Bäuml

Frauensache

Wie haben Nonnen im 16. Jahrhundert vierstimmige Messen aufgeführt? Für die Schalmei- Expertin […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Benedetto Boccuzzi wurde 1990 in New York City geboren und ist ein Pianist, Improvisator und Komponist. Auf seinem neuen Album „Im Wald“ stellt er Werke der Romantiker Robert Schumann und Franz Schubert den Zeitgenossen Jörg Widmann, Wolfgang Rihm und Helmut Lachenmann gegenüber. Dadurch entsteht ein ästhetischer Dialog zwischen den Generationen, der eine erweiterte Realität abbildet. In dem zweiteiligen Programm wird der Hörer dazu eingeladen, einen imaginären Zauberwald zu […] mehr


Abo

Top