home

N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



Startseite · Konzert · Da Capo

(c) Jens Großmann

Furioser Auftakt: Reich/Offenbachs „Three Tales“ und „Hoffmanns Erzählungen“

Wuppertal

Als der Wuppertaler Generalmusikdirektor Toshiyuki Kamioka sich vor zwei Jahren zum Opern-Intendanten krönen ließ, schaffte er erst das Ensemble ab und spielte dann nur noch angestaubte Tournee-Produktionen. Der Schuss ging nach hinten los. Kamiokas Nachfolger Berthold Schneider hat nun wieder ein neues Ensemble aufgebaut und einen Spielplan mit Eigenproduktionen entwickelt.
Beim Auftaktwochenende werden die programmatischen Eckpfeiler sinnlich erfahrbar. Bewusst steht „Three Tales“, eine Video- Oper von Steve Reich und Beryl Korot, am Anfang, ein legendäres Werk, das bislang nur auf Festivals zu sehen war. Das Publikum sitzt auf der Bühne, auf zwei Leinwänden läuft das minutiös getaktete Video, das von drei einschneidenden Ereignissen des 20. Jahrhunderts erzählt: der Hindenburg-Luftschiff-Katastrophe, den Atombombentests auf dem Bikini-Atoll und dem Klonen des Gen-Schafs Dolly. Steve Reichs Video-Oper wirkt taufrisch und durchaus repertoirefähig. Eine echte Entdeckung.
Der zweite Schlag gelingt am Folgetag: Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ lässt Schneider von gleich vier namhaften Regisseuren erzählen. Charles Edwards, Nigel Lowery, Christopher Alden und Inga Levant zeigen vier Sichten auf das Musiktheater und übertrumpfen einander in Sachen Bildfantasie. Nach dem turbulenten Prolog mit einer dauertrunkenen Dramaturgin setzt Nigel Lowerys Regie für den Olympia-Akt auf expressionistische Comic-Optik mit Olympia als durchgeknallter Monster-Braut. Christopher Alden konzentriert den Antonia-Akt mit Anklängen an das Horror-Genre auf ein Psychodrama in schwarz-weißer Ästhetik. Inga Levant schließlich verlegt den Venedig-Akt in ein Doktorspiel-Kabinett mit Giulietta im Latex- Mini. Das alles ist ungeheuer kurzweilig, bildermächtig und in Sachen Personen-Führung penibel durchgearbeitet. Das sängerische Niveau ist famos, insbesondere Mickael Spadaccini glänzt in der mörderischen Titelpartie mit Tenor-Strahl und delikater Diktion. Dirigent David Parry im Graben drängt rastlos vorwärts und entlockt dem Sinfonieorchester Wuppertal eine Fülle kostbarer Farben und funkelnde Brillanz. Ein furioser Auftakt.

Regine Müller, 01.10.2016, RONDO Ausgabe 5 / 2016



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Er ist ein Macher

Wahrscheinlich hätte Workaholic Daniel Barenboim den Job am liebsten auch noch übernommen. […]
zum Artikel

Pasticcio

Verachtet mir die Meister nicht

Etwas merkwürdig mutet die Programmplanung bei den Salzburger Festspielen schon an. Da hatte sich […]
zum Artikel

Pasticcio

Ein Zeitgenosse

Selbstverständlich konnte er nicht ruhig dabei zugucken, wie an der Existenz seines Orchesters […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Auf Anregung seines Lehrers Carl Friedrich Zelter schrieb der blutjunge Felix Mendelssohn Bartholdy im Alter von 12 bis 14 Jahren zwölf Streichersinfonien im Zeitraum von 1821 bis 1823. Diese Werke bildeten sein Übungs- und Experimentierterrain für den musikalischen Satz, die Instrumentation und die sinfonische Form. Mendelssohn überschrieb die Stücke, die er mal mit drei und mal mit vier Sätzen gestaltete, wechselweise mit „Sinfonia“ oder „Sonata“. In ihnen fand die […] mehr


Abo

Top