„Wo hast du dich verborgen, Geliebter, und ließest mich mit Seufzern?“ Mit dieser Klage beginnt ein „Geistlicher Gesang“, der aus der Feder des spanischen Mystikers Juan de la Cruz stammt und als eines der literarischen Monumente des Goldenen Zeitalters gilt. Aus diesem vierzig Strophen umfassenden, an das alttestamentarische Hohelied angelehnten „Cántico espiritual“ hat Hans Zender nun über viele Jahre hinweg insgesamt 14 Strophen vertont. Vier unterschiedliche Werke für Sänger und/oder Instrumentalisten sind so zwischen 2008 und 2014 entstanden. Und wenngleich Zender bei den ersten Plänen möglicherweise keinen Gesamtzyklus im Auge hatte, so fügen sich jetzt die Einzelteile zu einem enorm spannungsreichen Reigen zusammen.
Zender, der im November seinen 80. Geburtstag feierte, ist einer an der Neuen Musik durchaus interessierten semibreiten Öffentlichkeit vor allem dank seiner Re-Interpretationen von Schuberts „Winterreise“ und Beethovens „Diabelli-Variationen“ ein Begriff. Doch selbst mit diesen Neubelichtungen bewegte sich Zender abseits der postmodernen, so langweiligen Rückbezugsmode auf einem konsequent den Hörer fordernden Level. Gleichermaßen höchst anspruchsvoll sind denn jetzt auch die vier Stücke geraten. Wobei Zenders avancierte, bis tief ins Mikrotonale vorstoßende Gestaltungsmittel gerade das Existenzielle dieses sich zu einer Liebes-Tragödie in vier Akten verzahnenden Komplexes betonen. Herzstück ist dabei „¿Por qué? Warum?“ für gemischten Chor, das mit seiner brennenden Italianità an die sehnsuchtsvoll-hymnische Vokalsprache eines Luigi Nono erinnert. Dieses Werk wie die drei weiteren Kompositionen „¿Adónde? Wohin?“ für Violine, Sopran und Instrumente, „Oh Bosques | Oh Wälder“ für Sopran, gemischten Chor und kleines Orchester sowie „Oh cristalina ...“ für Sänger und Instrumenten wurden auch im Rahmen ihrer Uraufführungen mitgeschnitten. Und angesichts solcher illustren Neue Musik-Namen wie Klangforum Wien, Susanna Mälkki und Sylvain Cambreling ist dementsprechend das musikalische Niveau extrem hoch.

Guido Fischer, 14.01.2017



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