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Richard Wagner, Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms

Rheinmädchen

Pygmalion, Raphaël Pichon

harmonia mundi HMC902239
(74 Min., 7/2015)

Mit 24 Frauenstimmen, flankiert nur immer wieder einmal von Hörnern oder Harfe, folgt Raphaël Pichon den Rheintöchtern und anderen Sagengestalten durch die mythischen Welten des 19. Jahrhunderts. So manches Material findet er hierfür bei Schumann und bei Brahms, ein wenig auch bei Schubert. Wo nichts Originales zu finden ist, wird originell bearbeitet: Die für wenige Instrumente und viel Frauenklang aufbereitete Es-Dur-Welt des Wagnerschen „Rheingold“-Vorspiels gehört – zusammen mit dem späteren Wiederaufgriff auf „Götterdämmerungs“-Basis – zu den launigsten Nummern dieses Programms.
Wo ein direkter Bezug zum Rhein und seinen Mädchen nicht aufzufinden ist, lässt Pichon kurzerhand Sagen-haft schönes Frauenchortimbre zur Geltung kommen: Waren nicht Schuberts Fröhlich-Schwestern samt dem Anna-Fröhlich-Schülerkreis irgendwie auch Amazonen des alten Wien? Jedenfalls hat Schubert zwei seiner zauberhaftesten Chornummern – „Gott ist mein Hirte“ (im Beiheft fehlt der Hinweis auf Moses Mendelssohn, den prominenten Übersetzer) und das „Ständchen“ nach Grillparzer – für diese Mädels komponiert.
Honigsüß und ohne jede Trübung ergießt sich der Wohllaut weiblicher Vokalmusik von einer Nummer des Programms in die nächste. Doch gerade dies, anfangs ein Faszinosum dieser CD, wird mit der Zeit zu ihrem einzigen Makel: Die genannten Schubert-Nummern oder desselben Meisters „Lacrimosa“-Kanon, ferner etwa auch manche der Brahms Titel – vertrügen sie nicht ein wenig mehr Kontur und Farbenreichtum auch gelegentlich mit schärferer, dramatischerer Note? Jedenfalls kann man nicht behaupten, dass der Text im Vordergrund dieser Darbietungen stand: Weder zeitigt dessen Aussage immer die notwenigen interpretatorischen Folgen, noch ist er überhaupt über weite Strecken verständlich. Man vergleiche etwa Schuberts „Ständchen“ mit der alten Version der Damen des BR-Chors und Brigitte Fassbaender als Solistin (hier übernimmt übrigens Bernarda Fink als Gast diesen Part): weniger polierte Glätte freilich, aber sprachgenerierte Prägnanz und Profiliertheit. Warum dieser Aspekt bei einem Programm, das sich der Idee nach doch so sehr vom Wort her speist, zu kurz kommt, bleibt dem Autor unverständlich.

Michael Wersin, 19.03.2016



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