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Wolfgang Amadeus Mozart

Requiem d-Moll KV 626 (Süßmayr-Fassung mit den autograf überlieferten Fragmenten)

Iride Martinez, Monica Groop, Steve Davislim, Kwangchul Youn, Chorus Musicus Köln, Das Neue Orchester, Christoph Spering

Opus 111/Harmonia Mundi OP 30307
(73 Min., 5/2001) 1 CD

Die Geschichte gehört zu den berühmtesten Musiker-Anekdoten: Mozart erhielt gegen Ende seines kurzen Lebens den Auftrag für eine Totenmesse, und während er noch daran schrieb, nahm ihm - wie es in älteren Publikationen (aber auch im Beiheft-Text dieser CD) heißt - der Tod die Feder aus der Hand. Die Witwe Konstanze stand vor einem Problem: Die zweite Honorar-Rate gab es nur gegen ein fertiges Werk, und so machte sich Mozarts Schüler Franz Xaver Süßmayr daran, das Requiem zu vollenden; zum Teil griff er dabei auf Mozarts Vorgaben zurück.
Wie eng er am Plan seines Meisters blieb, zeigt diese Einspielung, auf der erstmals auch die Fragmente zu hören sind - darunter der Anfang einer Amen-Fuge, die im endgültigen Opus gar nicht mehr vorkommt. Süßmayrs Fassung ist oft kritisiert und durch andere Rekonstruktionen ersetzt worden; nicht unbedingt zu Recht, wie man hier hört.
Über diesen enzyklopädischen Aspekt hinaus legt Christoph Spering, der Kölner Spezialist für Alte Musik, eine Interpretation des Werkes vor, die Kontroversen provoziert, denn Spering arbeitet mit sehr eigenen Tempovorstellungen. Der beginnende "Introitus" mit anschließender "Kyrie"-Fuge kommt so langsam daher, als sei ein romantisierender Kapellmeister der fünfziger Jahre am Werk. "Ich denke, dass zum Beginn des Requiems ein ernster Trauerkondukt gemeint ist", rechtfertigt Spering im informativen Beiheft-Interview diesen Mozart im Empire-Stil, der freilich in den bewegteren Teilen die erwartete Dramatik liefert.
Spering setzt auf Kontraste: Fast stehende Musik hier ("Recordare"), drängende Seelenkämpfe da - und dazwischen schneidende Naturtrompeten mit dumpf mahnenden Pauken. Überraschenderweise hebelt Spering den authentischen Ansatz am Ende des Stückes aus: Im abschließenden "Lux aeterna" verwendet Süßmayr dieselbe Musik wie im Introitus-Kyrie am Beginn, ohne an dieser Stelle in der Partitur eine Tempovorschrift zu vermerken. Spering zieht daraus den Schluss, zur Verdeutlichung des "Erlösungsgedankens" das Tempo deutlich anziehen zu können. Dabei gilt in Barock und Klassik: Wenn Musik notengetreu wiederholt wird, ist das Tempo gleich.
Die Wiederkehr von Sätzen mit verschiedener Betextung ist andererseits in liturgischen Kompositionen üblich, und für die damaligen Musiker verstand es sich von selbst, in beiden Fällen dasselbe Tempo zu benutzen. Süßmayr hätte also gerade dann, wenn er eine Abweichung gewollt hätte, eine klare Angabe gemacht. Sperings Spekulationen widersprechen somit dem Gedanken der Alten Musik.
Dieses Mozart-Requiem ist eine nicht ganz zugängliche Einspielung, mit der sich die Beschäftigung lohnt. Dass im Beiheft kein Platz blieb, um die Solisten vorzustellen, ist schade.

Oliver Buslau, 14.02.2002



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