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Wild Man Dance

Charles Lloyd

Blue Note/Universal 4712598
(75 Min., 11/2013)

Die altertümliche, einer Geige ähnliche Lyra und das hackbrettartige Cimbalom sind alles andere als gängige Jazzinstrumente. Der amerikanische Saxofonist Charles Lloyd setzt sie dennoch in seiner sechsteiligen Suite „Wild Man Dance“ ein und verleiht ihr damit ein exotisches, ungewohntes und ungewöhnliches Flair. Die Auftragsarbeit für das Zehnte Jazztopad Festival in Breslau, uraufgeführt und mitgeschnitten am 24. November 2013 in der dortigen Philharmonie, vereint von sanftem Säuseln bis zur hymnischen Expressivität reichende Saxofonpassagen mit einem unruhigen, pulsierenden Untergrund. Wie der Pianist Gerald Clayton, der Bassist Joe Sanders und der Schlagzeuger Gerald Cleaver zusammenwirken, erinnert stellenweise an die Intensität von John Coltranes großartiger Band mit dem Pianisten McCoy Tyner. Die von Miklós Lukács am Cimbalom und Sokratis Sinopoulos an der Lyra geprägte Einleitung zu „Flying Over The Odra Valley“ wirkt wie der Beginn eines indischen Raga, zumal sich aus dem anfänglichen Tasten eine feste, kraftvolle rhythmische Struktur einwickelt, aus der Lloyds Tenorsaxofon expressiv hervorragt; dieselbe Atmosphäre durchdringt auch das nahtlos angeschlossene „Gardner“. In „Lark“ schwebt zunächst die Lyra über einem feinen Gespinst der Rhythmusgruppe, bevor Lloyd mit kraftvollen, verschlungenen Improvisationen die Führung übernimmt. Wie ein Wasserlauf, der sich in immer neuen Variationen am Ufer und an Felsen bricht, mäandert „River“, und „Invitation“ schwankt zwischen Drängen und Entspannung. Dem abschließenden „Wild Man Dance“ verleihen die stark in den Vordergrund geschobenen Cimbalom und Geige erneut folkloristisches Flair: Der Kreis zur Einleitung hat sich geschlossen. Lloyd, zum Zeitpunkt der Aufnahme 75 Jahre alt, unterstreicht mit der Suite einerseits seine Offenheit für ungewöhnliche Instrumente und andererseits seine Klasse als vielschichtiger Saxofonist, dessen Ton in immer wieder neuen Facetten schillert.

Werner Stiefele, 18.04.2015



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