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Mark Andre

... auf ...

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Experimentalstudio des SWR Freiburg, Sylvain Cambreling

Wergo/New Arts International WER 7322
(52 Min., 2008 & 2009)

Es liegt nahe, hört man diese Musik, die alte Sentenz von Adorno hervorzukramen: „Zur Selbstverständlichkeit wurde, dass nichts, was die Kunst betrifft, mehr selbstverständlich ist.“ Mark Andre ist kein Tonsetzer, er ist ein Tonmacher. Bevor er einen Klang ins Spiel bringt, baut er ihn in mühsamer Arbeit erst einmal selbst zusammen: Computeranalysen helfen ihm dabei und ganz offensichtlich auch ein fantastisches inneres Gehör. Denn wie Andre seine Klänge zusammenbaut, mit welcher schöpferischen Fantasie er Übergänge schafft zwischen ihnen, ja die Übergänge zum eigentlichen Thema seiner Kunst macht, darin übertrifft ihn heute niemand, nicht einmal der große Helmut Lachenmann.
Von ihm hatte Andre einst gelernt, dass Musik etwas anderes sein kann als eine schöne Oberfläche: Bei Lachenmann hat er sie entdeckt als einen Ort existentieller Erfahrung. Für den tief gläubigen Protestanten war das der Wink, auf den er lange gewartet hatte. Er führte ihn am Ende sogar hinaus aus seiner Heimat Frankreich, in der man Musik weitaus nüchterner betrachtet. Heute lebt der ehemals „Marc André“ Getaufte als „Mark Andre“ in Berlin und komponiert Werke, die ihre Hörer nicht unterhalten, sondern tatsächlich im Inneren erschüttern sollen. Er selbst würde das zwar nie so drastisch ausdrücken, dafür tun das Werke wie das Orchestertriptychon „... auf ...“
Ob man seinen theologischen Fingerzeigen folgen will, stellt Andre auch in diesem Werkkomplex frei. Man kann, man muss aber nicht „... auf ...“ als österliche Musik der Auferstehung hören. Das kleine Wort „auf“ weist im Titel nach oben, hinauf in den Himmel, und es meint auch „auf“ im Sinne von Öffnung oder „Offenbarung“. Das aber kann eben jeder verstehen, wie er will. So oder so öffnet „auf“ die Ohren und zieht sie mit großer suggestiver Kraft hinein in ein Drama des Umbruchs: Nichts ist hier von Dauer, auf nichts ist Verlass. Klänge stoßen in den Raum, reißen ihn auf, klingen nach, Nachklänge schweifen aus zu flirrenden Flächen, überlagern sich, zerfleddern an den Rändern und schlagen plötzlich wild um sich. Das SWR Sinfonieorchester hat Andre dafür im Jahr 2007 mit seinem renommierten Orchesterpreis ausgezeichnet. Die Gesamteinspielung unter der Leitung von Sylvain Cambreling (in Wahrheit der Zusammenschnitt dreier Live-Mitschnitte) elektrisiert bis in den letzten Takt. Das von der Auflösung bedrohte SWR-Ensemble empfiehlt sich hier noch einmal ganz nachdrücklich als das vermutlich beste weltweit für solch schwierige Missionen. Diese Aufnahme ist nichts weniger als ein Hammer. Sie haut einen um.

Raoul Mörchen, 28.03.2015



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