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No End

Keith Jarrett

ECM/Universal 3755519
(93 Min., 1986) 2 CDs

Alle Künstler – Literaten, Maler, Bildhauer, Tänzer, Schauspieler oder auch Musiker – durchleben hin und wieder Phasen der Selbstversicherung und Reflexion. Bei Schriftstellern freuen sich die Leser meist über im Alter veröffentlichte, Jahrzehnte alte Tagebücher, weil sie voyeuristisch nach Intimem fahnden, sich über Gedanken zur Zeit erfreuen oder Hinweise zur Interpretation von Werken erhoffen. Und bei Musikern? Kaum einer veröffentlicht die Skizzen seiner Orientierungsphasen, die Dokumente nicht weiter verfolgter Wege, das Vorläufige.
Keith Jarrett hat es gemacht – schon mehrmals, unter anderem mit den Alben „Spirits“, „Hymns / Spheres“, „Book Of Ways“ und „Invocations / The Moth and The Flame“. Und nun mit dem Doppelalbum „No End“, einer Sammlung von zwanzig Stücken. Die entstanden 1986 so, wie viele Rockmusiker arbeiten: als Gedankenskizzen, die Jarrett auf zwei Cassettenrecordern im Playback-Verfahren aufgezeichnet hat. Bei Rockmusikern wären die Demobänder eine limitierte Sonderausgabe als Vorstufe zu späteren Alben wert – in Jarretts weiterer Karriere hatten die Rock-, Blues- und Latinstücke keine weiteren Konsequenzen: Er begann keine Rockkarriere, sondern spielte Klassikwerke ein – 1987 Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ – und tourte mit dem „Standards“-Trio, also mit Jack DeJohnette und Gary Peacock.
Wenn man den Booklet-Informationen glauben darf, schichtete er Spur auf Spur: Elektrogitarre, Elektrobass, Blockflöte, Percussion und gelegentlich auch vokalen Gesang. Die Klangqualität entspricht den Herstellungsbedingungen: Garagenqualität. Wie in manchen unendlichen Improvisationen von Grateful Dead und anderen Hippiebands fließen die Gedanken dahin, eher entspannt als auf packende Höhepunkte hinstrebend: kontemplative Klänge, zu denen – so will es die Mischung aus Legende und Realität – manch Pfeifchen geraucht wurde. Keith Jarrett betont, er habe keine Drogen zu sich genommen, als er mit einer Mischung aus bekannten Rock-Floskeln und eigenen Ideen vor sich hin improvisierte. Trotzdem entsprechen die Stücke genau jener bekifften Atmosphäre der Hippie-Ära.
Schade eigentlich, dass Jarrett diesen Weg nicht als weiteren Pfad in seiner vielfältigen künstlerischen Laufbahn verfolgte, denn einige der Stücke hätten in ausgearbeiteten Versionen durchaus das Format für eingängige, gute Nummern auf dem Feld der Popmusik. Jarretts Skizzen sind so wertvoll und veröffentlichungswürdig wie die Tagebücher der Literaten.

Werner Stiefele, 21.12.2013



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