Kindern CDs zu schenken ist bekanntlich mit großen Risiken verbunden – schließlich kann es sein, dass das Geschenk Anklang findet. Tritt aber dieser Fall ein, dann sind meist auch die Eltern gezwungen, die neue Lieblingsplatte ihrer Sprösslinge wieder und immer wieder anzuhören. Zu den wenigen Produkten auf dem Markt, bei denen das nicht irgendwann nervt, gehören die feinsinnigen Märchenaufnahmen der Edition Seeigel. Das Konzept ist denkbar einfach: Ein klassisches Märchen (die auch in dieser Reihe angebotenen Neuerzählungen haben nicht die gleiche Kraft) wird im ruhigen Wechsel mit stimmungsvollen und oft wenig bekannten Kammermusik-Preziosen erzählt.
Bei „Brüderchen und Schwesterchen“, von dessen Plot sich traditionell eher mädchenhafte Mädchen und sensiblere Jungs angesprochen fühlen, funktioniert die Kombination besonders gut. Wie von allein bilden sich Brücken zwischen der musikalischen, aber dabei nicht betulichen Erzählstimme Katharina Wackernagels und dem Klang von Horn und Bratsche, welche die idyllisch-mysteriöse Waldatmosphäre mit klaren, reinen, fein nuancierten Farben einfangen. Auch die Auswahl der Kompositionen ist geglückt: Als Leitmotiv dient eine Romanze von Saint-Saëns, von der sich ungezwungene Beziehungen sowohl zur mystischen Neutönerin Sofia Gubaidulina als auch zu dem barocken Altmeister Benedetto Marcello spinnen. Eine schöne, leise Platte, die nicht bemüht in Klassik einführen will, sondern selbst Klassik ist – und sich deswegen auch nicht abnutzt.

Carsten Niemann, 21.12.2013



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