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Frédéric Chopin

Polonaisen opp. 26, 40, 44, 53, 61

Rafał Blechacz

DG/Universal 4790928
(60 Min., 1/2013)

In seinen Anfängen war Rafał Blechacz ja schon noch etwas beflissen und gehemmt bei allem unüberhörbaren Potential. Doch inzwischen ist der geradezu herausfordernd uneitle Pole zu einem der vielversprechendsten Pianisten seiner Generation gereift. Dieses Panorama der großen Polonaisen bezeugt eindrucksvoll den untadeligen Geschmack und Gestaltungswillen des 28-Jährigen, der bei aller geradezu obsessiven Klangtüftelei einen vitalen Vorwärtsdrang entfaltet, der den abgenutzteren der Polonaisen sehr gut bekommt.
Die müdegeklopfte A-Dur-Polonaise wirft er mit so viel schmetterndem Brio hin, dass sie in dieser Form noch dem traumatisiertesten Klavierlehrer erträglich sein dürfte. Im c-Moll-Schwesterwerk wird der Strich, mit dem er die fast wagnerischen Harmonien und Beleuchtungswechsel des Mittelteils malt, aber sehr viel feiner. Und doch, die großen Entwicklungslinien spannt er ohne Rücksichten aus. Dass der Mittelteil der fis-Moll-Polonaise mit seinem geradezu manischen 32tel-Wirbeln nicht nuancierend oder dramatisch interessant gemacht werden darf wie so oft, sondern rauh und einförmig sein muss – mit Blechacz begreifen wir es. Wie sich aus dieser Trümmerwelt ganz allmählich jene fragilen Themensplitter erheben, aus denen ein entrückter Mazurka-Traum aufblüht, das ist bewegend schönes Chopinspiel, das den dramaturgischen Sinn des kostbaren Augenblicks erfasst.
Es ist dann fast sympathisch, dass auch dieser ausgewachsene Chopin-Exeget an dem Rätsel der Polonaise-Fantaisie scheitert – aber gibt es in der Interpretationsgeschichte nicht ohnehin nur Näherungsversuche an diese unheimliche Sphinx? Der Gang ins morbide leuchtende Herz des Werks, beginnend mit forsch akzentuierendem Tanz-Elan, der sich, je näher das magische poco più lento-Sanktuarium kommt, geradezu lustvoll verflüchtigt, gelingt ihm sensibel und fließend – aber so weit gelangten andere auch. Das Problem kommt eigentlich immer (und auch hier), wenn die Spieler diesen erlauchten Ort über die hektischen, immer wie angeklebt wirkenden Sechzehntelpassagen verlassen müssen und in die fiebrig donnernde, aus dem nichts aufgetürmte ff-Apotheose hineinstolpern. Aber das ist Meckern auf dem höchsten Niveau. Jede Fingerkuppe dieses Künstlers hat mehr Talent als die übrigen gehypten Major-Label-Jungpianisten zusammen.

Matthias Kornemann, 09.11.2013



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