Die Augen des Mannes sind verschattet, aber ein warmes Licht fällt auf seine Stirn und die Lippen umspielt die ferne Ahnung eines Lächelns. Was das Coverbild andeutet, führt Andreas Staier in seinem Album über Melancholie im 17. Jahrhundert klingend aus. Wir lernen sie als eine philosophisch grundierte Geisteshaltung kennen, bei der die Betrachtung irdischer Nichtigkeit auch zu einer inneren Gelöstheit führt. Diese Auffassung kommt besonders der in London geschriebenen a-Moll-Suite sowie dem berühmten Lamento auf Kaiser Ferdinand IV. von Johann Jacob Froberger zugute: Staier missversteht die Darstellung von Trauer und Schmerz nicht als bloße Expressivität, sondern geht Dissonanzen und dramatische Abwärtssprünge mit einer zugleich anteilnehmenden und beobachtenden Gelassenheit an.
Zwischen den beiden Froberger-Werken leuchtet er ein enormes Farbenspektrum der Melancholie an einer Reihe klug zusammengestellter Werke französischer und französisch beeinflusster Komponisten aus: Knappe, konzentrierte Fugen und Ricercare stehen neben feierlichen Tombeaus und virtuosen, aber in sich kreisenden Chaconnen und Passacaglien. Zum Reiz der Aufnahmen trägt das ausgewählte Instrument bei: Es handelt sich um ein erst kürzlich restauriertes und zum Teil rekonstruiertes Cembalo aus dem 17. Jahrhundert, dessen Klaviatur 1749 von Joseph Collesse erweitert wurde. Es verbindet die sprachliche Präzision und funkelnde Pracht französischer Instrumente mit einer gewissen dunklen Wärme. Und Staier nutzt diese Farbmöglichkeiten bestens aus: So etwa in der c-Moll-Suite von Clérambault, die mit einer fast täuschend echten Lautenimitation beginnt, zur Courante hin festlich aufblüht und sich mit einer überraschenden „Petite Reprise“ mit leiser Melancholie vom Hörer verabschiedet.

Carsten Niemann, 13.04.2013



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