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Robert Schumann

Klavierkammermusik (Gesamtaufnahme)

François Leleux, Paul Meyer, Gordan Nikolitch, Lisa Berthaud, François Salque, Christophe Coin, Éric Le Sage, Frank Braley u.a.

Alpha/Note1 ALP812
(4/2008, 9/2010) 7 CDs

Was für ein großer Schumannianer dieser Éric Le Sage ist, es sollte sich inzwischen herumgesprochen haben. Seine Werkschau ist das reinste Hochplateau gediegenen Klavierspiels. In einer vorletzten Anstrengung (den Schluss werden die Werke mit Orchester machen) stemmt er die gesamte Kammermusik mit Klavier sowie die vierhändigen Zyklen. Das pianistische Niveau ist erneut untadelig, aber das Plateau hat dann eben doch gewisse Senken und sogar Furchen. Ist es beckmesserisch, angesichts dieses Ziegelsteins erlesener Kammermusik gleich zu nörgeln? Egal, es fängt beim Booklet an – ein unübersichtlicheres habe ich in meinen Schränken nicht. Und auf deutschen Text verzichtet man völlig, was bei einer Schumann-Werkschau doch eine Überlegung wert gewesen wäre. Schlampig auch die Hüllen: Das Adagio für Horn und Klavier op. 70, ein Traum und Höhepunkt der Box, unterschlägt man uns darauf gleich ganz. Die erste CD mit Romanzen, Märchenbildern etc. für Bläser oder Bratsche ist nämlich das Kronjuwel der Sammlung.
Einwände habe ich bei der Kammermusik mit Streichern. Es sind ohnehin geschichtlich belastete Werkgruppen, teilweise spät im verdämmernden Leben Schumanns angesiedelt, das wir von ideologischer Musikschreiberei als fatale Niedergangsbahn zu hören gezwungen worden sind.
Die erste Violinsonate mit Gordan Nikolitch ist schwach geraten. Wer den aufgewühlten, passionierten Duktus scheut – ein Christian Ferras etwa drückte hier richtig auf die Tube – dem ist doch ein etwas sorgfältiger Blick in die Partitur abzuverlangen. Aber Nikolitch tritt vor allem als Akzente-Einebner und endlos-Phrasierer in Erscheinung; der erregt-deklamatorische Geist mancher Passagen, in der historischen Lesart Gudrun Schaumanns kürzlich packend eingefangen, verdämmert da völlig. Im lauen Mezzoforte-Strom des zweiten Satzes wird es kaum besser, auch von Le Sage kommen hier keine Impulse.
Furcht vor dem berüchtigten dumpfen Klangbild des späten Schumann – ein Topos! – scheint auch den Blick auf das erste Trio zu zeichnen und die Streicher zu einer gewissen Schärfe zu treiben, während im Klavierpart der Geist der Fauréschen Arabeske das Wühlen ersetzt. Dieser auffallend lichte Klang öffnet die Ohren für die oft überpinselten Feinheiten, so die eigenartige ppp-Akkordstelle am Ende der Kopfsatzdurchführung – ein Ort völliger Entrücktheit.
Doch es fehlt das „Feuer“, das Schumann für das Finale verlangt, hier brennt nichts, umso mehr staubt‘s. Die „Schlager“, Quartett und Quintett in Es, sind ordentlich und transparent geraten – einen Rezensentenhymnus provozieren sie aber nicht.
Mit seinem tollen Kollegen Frank Braley erkundet Le Sage die ganze Gebrauchsmusik aus den Düsseldorfer Jahren, und das geschieht mit soviel Schliff und Lust, dass man vergisst, in welch verzweifelter Situation manche dieser Hausmusik-Perlen entstanden – noch im Trüben funkelt der Schumannsche Geist immer wieder einmal auf. „Ungarisch“ oder die Mazurka aus den „Ball-Szenen“ op. 109 können mit Dvořákschen oder Brahmsschen Miniaturen dieser Art mithalten. Musikalisch noch dichter sind die „Bilder aus Osten“ op. 66. In diesen Duo-Arbeiten ist das Niveau dann rasch wieder von der Werkschausolidität zur Sternstunde gehoben, und mit dem Durchstöbern nahezu unbekannter Winkel in Schumanns Werk kann man eine schöne Zeit verbringen. Das alles einmal in einer Box gebündelt zu haben, mag darüber hinwegtrösten, dass Le Sage die Vollendung einiger Soloalben im Ensemble nicht durchgängig erreichen konnte.

Matthias Kornemann, 21.07.2012



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