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Johannes Brahms

Werke für Chor und Orchester (Schicksalslied, Alt-Rhapsodie, Warum ist das Licht gegeben, Begräbnisgesang, Gesang der Parzen)

Ann Hallenberg, Philippe Herreweghe, Collegium Vocale Gent, Orchestre des Champs-Élysées

PHI/Note1 LPH003
(57 Min., 7/2011)

Steht „Herreweghe“ neben „Brahms“ auf dem Cover, dann ist klar: Jenes Sehren und Sehnen, das der Spätromantiker seinen Chor-Orchester-Werken mitgab, wird schlank und grazil erklingen, ohne zähfließende Fettlasur. In der Tat: Kaum je wurde der sphärische Beginn des „Schicksalsliedes“ zarter von aller irdischen Beschwernis gelöst. Eine Legatokultur sondergleichen trägt die wundervollen Es-Dur-Harmonien der „schicksallosen“ göttlichen Genien. Doch mit dem schmerzerfüllten c-Moll-Kontrast der von „Klippe zu Klippe“ schwankenden, letztlich ins Verderben stürzenden Menschenwelt zeigt sich das Problematische, zumindest Diskussionswürdige des Herreweghe‘schen Ansatzes: Er kennt keinen wirklichen Kontrast. Vielmehr „dimmt“ der Flame das grelle Licht der Realität, die Punktierungen und Synkopen bleiben exakt geformte Notenwerte, aber keine Existentialien. Wohl deshalb, weil Herreweghe das 1871 vollendete Opus 54 – wie im Grunde alle hier versammelten Werke, die dem Verlaufstypus Schmerz-Erlösung folgen – vom Schluss her begreift: Diesen fasste Brahms bekanntlich in ein ruhig fließendes, orchestrales C-Dur-Nachspiel, das zwar der Resignation des „Schicksalsliedes“ widerspricht, nicht aber dem Schluss des „Hyperion“, Hölderlins autobiografischem Briefroman, in den das „Schicksalslied“ eingebettet ist und in dem sich wohl Brahms selbst, ebenfalls ein verwundeter, letztlich mit seinem Schicksal versöhnter „Eremit“ und „Abseiter“, gespiegelt fand. Davon kündet auch und gerade die Alt-Rhapsodie, jenes höchst eigenartige, „mit Zorn!“ verfasste „Brautlied“ für die Schumann-Tochter Julie, in die er selbst verliebt war. Die schwedische Mezzosopranistin Ann Hallenberg lässt einen die abgründigen „Erst verachtet, nun ein Verächter“-Verletzungen, die Brahms seiner Brautgabe in geradezu Isoldenhafter Wagner-Manier injizierte, durchaus deutlich spüren. Das korreliert nicht unbedingt mit Herreweghes chorischem Brahms-Verständnis: In der Motette „Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen“ (deren geistliche a-cappella-Faktur allenfalls vom Gehalt her in den Platten-Kontext passt) waltet ein höchst kultivierter, makelloser Schöngesang, dem man die wütende Hiob‘sche „Warum?“-Anklage nicht recht abnimmt. In Herreweghes „besänftigendem“ Fahrwasser bleiben auch der selten zu hörende, düstere Begräbnisgesang des gerade einmal 25-jährigen Detmolder Chordirigenten sowie der letzte Gattungsbeitrag, der „Gesang der Parzen“. Wer jenen unter Blomstedt, diesen unter Toscanini hört, der weiß: Brahms hat auch schroffe, unversöhnte Seiten. Was sicher Herreweghes Brahms-Verständnis relativieren kann, keinesfalls jedoch die Bewunderung für dessen mustergültig ausziselierte Sorgfalt auf chorischer wie instrumentaler Seite. Schließlich sind im Booklet neben einer lesenswerten Einführung von Alexander Butz leider auch miserabel redigierte Künstler-Biografien zu finden. Da sollte Herreweghes neues φ-Label nachbessern.

Christoph Braun, 11.02.2012



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