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Ludwig van Beethoven

Klaviersonaten Vol. 9

Michael Korstick

Oehms Classics/harmonia mundi OC 662
(70 Min., 6/2008) SACD

Als ich im Frühjahr einige neuere Beethoven-Einspielungen beschrieb, schloss ich mit einem Lob der Korstickschen Unerbittlichkeit, die dem Urtext die expressiven Extreme enthört habe, ohne nur einen Millimeter ihrer philologischen Glaubwürdigkeit preiszugeben. Wie unbequem es dem Hörer indes werden kann, aus dem Paradies behaglichen Schönklanges und interpretatorischer Konvention vertrieben zu werden, spürte ich im Opus 78 in aller Schärfe. Zum ersten Male beschlich mich der Eindruck, dass die Summe einer unerhörten Addition von penibelster Lesart und kompromissloser Ausführung keinen bezwingenden musikalischen Sinn stiftet. Ein kalter, scharfer Luftzug scheint den Schmelz, der diese Periode in Beethovens Schaffen eigentümlich überglänzt, fortzuwehen. Aber bei einem solchen ersten, einer Abwehrreaktion gleichenden Urteil blieb es nicht. Gewiss, dieses geradezu brachiale Ausspielen der Kontraste vertreibt das betörende Fis-Dur-Parfüm – Korstick setzt sein Urtext-Recht mit allen Konsequenzen durch. Aber wie oft steht hier forte, ja fortissimo! Es spricht viel dafür, darin Beethovens Wunsch zu lesen, die schwärmerisch-verliebte, geistvoll verklausulierte Welt dieser kleinen, kostbaren Sonate dauernd zu erschüttern.
Unbehagliche Wahrheiten. Nein, man verliebt sich nicht in dieses Spiel, und das wäre auch das letzte, was Korstick erheischen wollte. Aber wieder einmal werden Hörgewohnheiten ziemlich durchgewühlt, manchmal nur im Kleinen. Denkwürdige Kräuselungen auf der Oberfläche des Gewohnten lassen auch im honigsüßen Strom des Opus-90-Finales aufhorchen. Sforzato-Einwürfe im ersten Couplet, kleine einkomponierte Risse und Verwerfungen, wie man sie so eben noch nicht hören konnte.
Im Opus 101, der ersten der Spätsonaten, gelangt der Pianist dann in jene erregend zu beleuchtenden, extremen Ausdrucksbereiche, als käme er nach Hause. Schon die schartigen Grate des Alla marcia zeichnet er grell und scharf, und der Gipfel des Werkes markiert dann – man konnte es erwarten – auch den Höhepunkt dieser Aufnahme. In der kaum vehementer auszumeißelnden Fugen-Durchführung des Finales verwandelt sich Korsticks totale Kontrolle in eine gleißende Deutlichkeit, die geradezu schmerzt. Und nur unter diesen Voraussetzungen wirkt die Schlusspointe. Noch einmal schlägt Beethoven nach der Fermate die Fortissimo-Oktaven des Fugenkopfs (und ich kenne kaum einen Spieler, der an diesem symbolischen Schockeffekt eine grimmigere Freude kundgetan hätte als Korstick). Erleiden wir noch einen Gipfelsturm? Umso lichter die Auflösung, die dem Hörer jene Schlusserleichterung schenkt, die er sich nach dieser anstrengenden Erfahrung auch verdient hat.

Matthias Kornemann, 17.12.2011



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