Er habe ein „phantastisches Feuer“ bemerkte der kaiserliche Hofpoet und Librettist Pietro Metastasio über den aufstrebenden Komponisten Christoph Gluck – doch leider sei er auch „verrückt“ und seine Musik klinge „erzvandalisch“. Die Bemerkungen stammen aus der Zeit um 1750 – also mehr als ein Jahrzehnt vor Glucks Durchbruch als Reformer. Doch erst in jüngster Zeit ist das Interesse an den zahlreichen ernsten Opern erwacht, die Gluck in dieser Zeit komponierte. „Ezio“, der 1750 auf ein Libretto Metastasios entstand, gehört zu den interessantesten: Obwohl nach außen den Konventionen der Gattung folgend, lässt er doch in fast jeder Arie aufhorchen ‒ indem er schlichten Gesang an die Stelle von Koloraturenfeuerwerk setzt, wenn er mit gezielt gesetzten Pausen, Tempowechseln oder harmonischen Kontrasten menschliche Abgründe hinter Standardaffekten aufscheinen lässt. Bereits mehrmals wurde das Stück eingespielt, so mit dem Prager Sinfonieorchester unter Jiří Petrdlik und der Neuen Düsseldorfer Hofmusik unter Andreas Stoehr; eine spätere Fassung brachte das Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele unter Michael Hofstetter heraus. Unter den Einspielungen des „Ezio“ ist die vorliegende Aufnahme wohl die geschlossenste, was vor allem an der ausgezeichneten und ausgewogenen Sängerbesetzung liegt. Besonders glücklich sind die Kastratenrollen besetzt. Sowohl Sonia Prina in der Titelrolle als auch Max Emanuel Cencic bringen neben Sicherheit und Ausdruckskraft in Höhe und Tiefe ein männliches Timbre ohne herben Beigeschmack. Alan Curtis´ Dirigat ist sicher nicht das feurigste, aber das genaueste: Sein „Ezio“ zerfällt nicht in vorwärts- und rückwärtsgewandte Passagen, sondern wird – von den etwas zu gefühlig und nicht genug reimbetonten Rezitativen abgesehen – zu einer janusköpfigen Einheit.

Carsten Niemann, 26.11.2011



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