Sie fordern schon einen gewaltigen personellen Aufwand, diese Gurrelieder: Drei Rundfunkchöre ließ Mariss Jansons im Münchner Gasteig zusammenkommen, um von ihnen ganz am Ende des zweistündigen Werkes für knapp sechs Minuten in ekstatischem Tutti die Sonne besingen zu lassen – und dann hat ihm die Tontechnik das Ganze so eingefangen und abgemischt, dass der gewaltige Schlusseffekt auf der DVD gar nicht so tiefenscharf und majestätisch herüberkommt, wie man es eigentlich erwarten würde (und als Konzertbesucher im Saal zweifellos auch erlebt hat). Der acht Jahre zuvor am selben Ort entstandene Live-Mitschnitt der "Gurrelieder" unter James Levine hat da deutlich mehr zu bieten – obwohl Levine sich mit dem Philharmonischen Chor München als vokalem Klangkörper begnügte.
Der Vergleich der beiden "Gurrelieder"-Versionen aus München fällt auch in anderen Punkten ungünstig für den vorliegenden Mitschnitt aus: Levine hatte z. B. mit Ben Heppner einen deutlich mitreißenderen Tenorsolisten. Sein Legato, seinen lyrischen Schmelz bei aller Dramatik, sein körperhaft gerundetes Timbre kann Stig Andersen nicht erreichen. Und selbst Deborah Voigt, in beiden Versionen die Sopransolistin, kommt unter Levine weniger spitz herüber als bei Jansons. Wie gesagt, die Tontechnik hat das nicht allzu beglückende Endergebnis sicher mitzuverantworten, aber was hilft's? Allein die schönen Bilder, entstanden unter der kompetenten Regie von Brian Large, vermögen den Gesamteindruck nicht maßgeblich zu verbessern: Obwohl Mariss Jansons seinem BR-Symphonieorchester, zu dessen 60. Geburtstag dieses Ereignis stattfand, ein beachtlich differenziertes Farbenspiel bei großer Präzision zu entlocken verstand, wird man Levines Version vorziehen – wenn man nicht gleich zu Riccardo Chaillys Studioproduktion von 1985 greift: Susan Dunn und Siegfried Jerusalem, beide damals auf dem Höhepunkt ihres Könnens, sind als Hauptprotagonisten des ersten Teils nicht zu übertreffen.

Michael Wersin, 22.01.2011



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