Responsive image
Marc-André Hamelin

Études

Marc-André Hamelin

Hyperion/Codaex CDA677789
(76 Min., 1998-2009)

Mit Nachdruck mahnt Marc-André Hamelin im Booklet, seine Etüden nicht nur als virtuose Herausforderungen zu betrachten. Für ihn seien diese Werke vor allem Charakterstücke, insistiert der kanadische Pianistenkönig – in Wirklichkeit allerdings lassen sich Technik und Ausdruck in Hamelins Zwölferpack wohl genauso wenig trennen wie bei den Etüden Chopins, Liszts oder Leopold Godowskys, dessen Erbe der Kanadier mit diesem Zyklus endgültig antritt. Denn ähnlich wie in den Chopin-Bearbeitungen des polnischen Großmeisters schafft auch in Hamelins Etüden die technische Meisterschaft erst den Freiraum, dem musikalischen Material neue Brechungen und Facetten abzugewinnen. Hamelins Etüden schlagen nicht, wie die Etüden Ligetis, ein neues Kapitel Klaviergeschichte auf, sondern sie drehen die Schraube hypertropher, nachromantischer Klavierkunst lediglich noch eine Drehung weiter: Seine Miniaturen sind kleine Spiegelkabinette für die Stile und Lieblingsmelodien der Musikgeschichte. In dieser Hinsicht allerdings sind sie ein reines Hörvergnügen: Schon bei Nummer eins kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wenn Hamelin drei Chopin-Etüden übereinanderlegt. Dann eine verdoppelte "Campanella", eine "Islamey"-artige "Toccata grottesca", Hommagen an Scarlatti und Rossini – letztlich ist es das beste Argument für den musikalischen Wert von Hamelins Musik, dass man trotz der in jeder Nummer aufgehäuften Schwierigkeiten nicht müde wird, ihm zuzuhören. Ergänzt wird die CD durch einige klangschöne, eingängige Stücke, mit denen Hamelin zeigt, dass er auch ohne virtuosen Anspruch komponieren kann. Nicht nötig, aber auch schön.

Jörg Königsdorf, 09.10.2010



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Das ging fix! In Schumanns „Haushaltsbuch“ kann man nachlesen, wenn auch gewohnt kryptisch, wie rasch er mit der Arbeit an seinem Klaviertrio op. 110 vorankam: „1. Okt. 1851 Kompositionsgedanken, 2. Okt. Triogedanken, 3. Okt. 1. Satz fertig, 4. Okt. 2. Satz, 5. Okt. 3. Satz, Freude, 27. Okt. Probe zum Trio zum ersten Mal, Freude.“ Dabei war Schumann sonst nicht unbedingt ein Schnellschreiber wie etwa Mozart. Doch die vier Sätze wirken wie aus einem Guss, wie in einem Schaffensrausch zu […] mehr »


Top