Responsive image
Joseph Haydn

Die Londoner Sinfonien (Nr. 93-104)

Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Roger Norrington

Hänssler Classic/Naxos 93.252
(297 Min., 9/2009) 4 CDs

Spät kam er, aber immerhin: Der sinfonische Höhepunkt des Haydnjahres ist da. Das zielt nicht nur auf jenes Dutzend Sinfonien, mit dem der 59-jährige, also ziemlich betagte Haydn sein bis dato fast 30 Jahre dauerndes Gattungsschaffen krönte – in London, wo er sich 1791 mit fürstlichen Entlohnungen hinlocken ließ und wo ihn die Presse schon längst als ihren "Shakespeare der Musik" feierte. Die werkgeschichtliche "Krönung" hat nicht wenige Dirigenten dazu verleitet, aus den "Londoner Sinfonien" staatstragende pompöse Vermächtnisse zu machen. Nicht so Roger Norrington. Dessen Feldzug gegen spätromantisch aufgeblähte, von sattem Legato und süffigem, vibratoreichem Streichersound geprägte Fossilienklassiker findet bei Haydn seine sinnfälligste Anwendung. Denn hier kann der Brite alle Tugenden seines Stuttgarter Rundfunkorchesters – die schlanke, klangfarblich zwischen Streichern und Bläsern bestens austarierte Besetzung, das vibrato-, ergo schnörkellose Spiel, die kurzen, atmenden Phrasierungsbögen, die "sprechende" Artikulation – geradezu mustergültig einsetzen, um diese Musik als das zu realisieren, was sie vor anderen auszeichnet: als eine Musik "con spirito" (wie eine ihrer häufigsten Vortragsbezeichnungen lautet). Der geistreiche, fantasievolle Witz sollte bekanntlich gerade keine konventionelle, zerstreute, erwartbare (Hintergrund-) Unterhaltung bieten (als die man sie dann im 19. Jahrhundert missverstand), sondern den Hörer hellwach halten und vergnüglich belehren. Norrington erweckt Haydns einzigartige Gabe wie kaum ein anderer Zeitgenosse zum Leben (mit Ausnahme allenfalls von Frans Brüggen und Sigiswald Kuijken), so markant, wo nötig imposant formt er in den Eröffnungssätzen die Themen und ihre Durchführungslabyrinthe, so zart singen seine Adagios, so harsch und kantig fordern die Menuette zum Tanz, und so feurig brausen die Finali dahin. Prototypisch das "Uhr"-Andante (aus Nr. 101): Wo sonst ein karajanesk-schwergewichtiges Standuhrpendel zäh die Zeit durchmisst, schreitet diese bei Norrington tänzelnd-beschwingt vorwärts. Und verweist gerade so auf die Zeitlosigkeit ihres Schöpfers.

Christoph Braun, 16.01.2010



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Beutezüge im Barock: Manche Solisten haben das Pech, dass die größten Komponisten gerade für ihr Instrument kein Konzert geschrieben haben. Keine Trompete bei Mozart, keine Flöte bei Bach und überhaupt keine Konzerte von Schubert. Und obwohl Antonio Vivaldi dank seiner versatilen Schülerinnen in der Pietà für fast jedes erdenkliche Instrument und jede Kombination Concerti in Fülle entworfen hat – allein 39 für’s Fagott, nur seine eigene Violine hat mehr bekommen – gibt es […] mehr »


Top