Der 1900 geborene Wiener Komponist Ernst Krenek war ein überaus genauer und reflektierender Beobachter seiner Zeit. Seine Gedanken über die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche zwischen k. u. k. Monarchie und Nazizeit verarbeitete er nicht nur in seinen überaus lesenswerten Memoiren "Im Atem der Zeit", sondern auch in seinen Bühnenwerken. Ganz direkt in der 1930 geschriebenen, im Wien der Zwischenkriegszeit angesiedelten Musiksatire "Kehraus um St. Stephan", ins Geschichtsphilosophische sublimiert in dem bald darauf entstandenen "Karl V.". Es war insofern eine stimmige Idee der Bregenzer Festspiele, beide Stücke zusammen zu präsentieren, zeigen sie doch auch die Abkehr Kreneks von der schnelllebigen Zeitoper hin zum gewichtigen Historienstück – eine typische Entwicklung, die parallel auch Paul Hindemith durchmachte. Im Vergleich zu dessen "Mathis" ist Kreneks, gerade zur "Ausgrabung des Jahres" gewählter "Karl" allerdings drögere Kost: Der Quasi-Prozess über das Wirken des sterbenden Renaissance-Monarchen bleibt eine deklamierte Geschichtsstunde, weil Krenek mit seiner Mischung aus Zwölftonmusik und Deklamation nur flache Protagonisten ohne Herz und Fleisch zeichnet. Der Versuch des neuen Kölner Opernchefs Uwe Eric Laufenberg, den Herrscher zum scheiternden Oberlehrer einer aus den Fugen geratenen Schulklasse umzudefinieren, befreit das Stück zwar von der Gefahr des Escorial-Kitsches, kann aber ebenso wenig vor der Langeweile retten wie die einsatzfreudige Sängerriege mit Dietrich Henschel in der Titelrolle. Der "Kehraus" ist mit seinem schnittigen Stilmix aus lakonischer Moderne, Operette, Jazz und anderem nicht nur leichter verdaulich, sondern rückt den Figuren wenigstens augenblicksweise menschlich nahe. Der Rest ist allerdings meterweise hölzernes Parlando und verkrampft-grotesker Zungenschlag ohne theatralische Wirkung. Man könnte auch sagen: pure Langeweile.

Jörg Königsdorf, 04.11.2009



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