Ausgerechnet auf der Zielgeraden! Nicht wenige der heute führenden Beethoven-Exegeten stolpern hier – bei der Neunten. Eigentlich nicht verwunderlich bei den übergroßen und diffusen Erwartungen an diese problembeladenste aller Sinfonien, die den einen frenetische Menschheitserlösung verheißt, den anderen suspekt bleibt – erst recht, seitdem Furtwängler das Schiller'sche "Alle Menschen werden Brüder" (und Schwestern?) dem größten Massenmörder aller Zeiten zum Geburtstagsständchen dargereicht hatte. Wie dem auch sei: Im Zeitalter historisch-philologischer Korrektheit (auf Grundlage der Bärenreiter Urtext-Edition) hat das wagnerianisch entstellte, falsch phrasierte, überladene Titanen- und Teutonen-Getöse ausgedient. Nicht jedoch die Emphase, wie nun bei Paavo Järvi zu studieren ist. Zwar "leistet" sich auch der Este in der Neunten eine kleine Enttäuschung, da er den Presto-Trio-Teil des zweiten Satzes recht moderat angeht (nur David Zinman hat sich zuvor an Beethovens grenzwertige Metronomangabe Halbe = 116 herangewagt). Ansonsten aber gilt: Mit dieser Neunten wird ein durchweg begeisternder Beethovenzyklus gekrönt, mehr noch –
eine solche Synthese von kammermusikalischer Transparenz und Beethoven'schem Furor ist auf dem Plattenmarkt kein zweites Mal zu haben. Die Kammerphilharmonie macht ihrem Namen einmal mehr alle Ehre, so luzide, schlank und dynamisch flexibel, vom berüchtigt-brutalen Keil Beethovens bis zu den Pianissimo-Schattierungen fächert die Bremer Edeltruppe die Partitur auf. Der 2001 gegründete Deutsche Kammerchor wie auch das bestens aufeinander abgestimmte Solistenquartett passen sich perfekt dem hellsichtigen Klangbild ein. Wobei der herausgeschleuderte "Brüder!"-Ruf symptomatisch zu sein scheint für ein höchst plastisches Textverständnis. Apropos: Kaum jemals wurde das rezitativische "Nicht diese Töne!" so harsch-wörtlich genommen wie hier, wo das Adagio, von Järvi als wunderbar elysisch-freier Sphärengesang inszeniert, brutalst hinweggedonnert wird. Und der Este hat sich noch was getraut: Sogar an Furtwänglers einzigartigen finalen Prestissimo-Kollaps reicht er (fast) heran.

Christoph Braun, 04.11.2009



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