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Johannes Brahms

Streichquartette op. 51 u. 67, Klavierquintett op. 34

Emerson String Quartet, Leon Fleisher

DG/Universal, 477 6458
(142 Min., 12/2005-1/2007) 2 CDs

Im Anfang fehlte das Klavier. Als Johannes Brahms anno 1862 ein Quintett zu Papier brachte, da war die Besetzung gleichsam und auffällig eine Schubert’sche: Zwei Violinen, eine Viola, zwei Violoncelli, die gleiche Runde wie beim D-Dur-Werk des Vorgängers. Allein, irgendetwas bewog den Komponisten, das Geschaffene zu überdenken, zu überarbeiten. Erst schuf er eine Version für zwei Klaviere (eine fulminante im Übrigen), dann entschloss er sich zur abschließend großen Tat: Drei Jahre nach dem ersten genialischen Streich ward das Klavierquintett in f-Moll vollendet, ein Jahr darauf wurde es der Welt auch in klingender Gestalt geschenkt.       
Verräterisch die Tonart: f-Moll. Man will es vielleicht nicht, aber man hört da jemanden durch dieses Werk schreiten, schleichen, schlendern. Es ist der Herr Beethoven, genauer: seine Klaviersonate op. 57, die "Appassionata". Dort wie hier, im Quintett, walten finstere Mächte, gegen die anzugehen es in der Tat nicht gar so leicht ist. Es waltet ein dunkler, ja fast wild-naturhafter Tonfall. Vor uns eine Landschaft aus Schwermut, aus schwerem Blut. Portweinlandschaft. Doch wäre Brahms nicht Brahms, sondern Beethoven, würde er in diese Landschaft nicht langsam, aber sicher das Licht hineinträufeln (sofern das mit Licht überhaupt geht) und würde er nicht einen Schimmer von Zuversicht hineinlassen, den man wohl ohne große Sorge als humanitas bezeichnen darf. Und eben an dieser Stelle kommen fünf sehr musikalische und sehr vernünftige Herren ins Spiel. Leon Fleisher, der zu erneuter (zweiter oder dritter) Blüte gereifte Pianist, sowie das Emerson String Quartet. Denn was diese erstaunlichen Künstler mit dem Werk machen (wobei machen eine Aktivität bezeichnet, die das Vorliegende im Grunde nur beglaubigt, dies aber auf grandiose Art und Weise), gleicht einem Plädoyer für das Gute, für den Sinn und das Sinnliche in der Welt. Vermutlich willentlich nach dem Prinzip per aspera ad astra gestalten sie das f-Moll-Quintett mit einem nicht anders als nobel und fast philosophisch angewehten Klangsinn, füllen es mit einem Reichtum an Valeurs, musizieren es mit einer geschliffenen, aber nie glatten, oberflächlichen Tongebung als ein Werk der Durchdringung. Fast erschrickt man vor der Vollkommenheit dieser Komposition, zumal es ja im gesamten Kammermusikschaffen vergleichsweise früh entstanden ist. Vergleicht man diese exemplarische Interpretation mit den kaum minder famosen Deutungen der Streichquartette, dann fällt ins Gewicht und auf vor allem dies: Der mittlere Brahms, belegt durch die Streichquartette op. 51, wiegt schwer, vielleicht sogar allzu schwer, so schwer beinahe wie bei seinem sinfonischen Erstling. Und erst mit dem op. 67, dem B-Dur-Quartett, befreit er sich von diesem Ballast und findet zurück zu jener Einzigartigkeit in der melodischen Linie, die man bei den späten Klarinetten- (und auch: Bratschen-) Sonaten, beim Klarinettenquintett und dem Klarinettentrio wiederfindet. Wie das Emerson String Quartet diesen Prozess nachbildet, ist nicht anders als fabelhaft zu nennen. Will sagen: Den Hörer erwartet höchster Genuss.

Jürgen Otten, 16.06.2007



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