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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



Herreweghes Vorsatz, Bruckner von aller Gewaltsamkeit zu befreien und das Meditative herauszustreichen, erweckte bei seiner siebten und vierten Sinfonie mitunter den Eindruck eines spätromantisch verzärtelten Mozart oder Schubert. So sinnvoll eine entschlackte Sicht auf den Heiligen von St. Florian ist: Ob Herreweghes Ansinnen gerade bei Bruckners bedeutendstem geistlichen Opus tragen würde, schien vorab fraglich. Denn was der 44-jährige, der endlich seine Linzer Heimatluft hinter sich lässt, um sich in Wien an seine große Sinfonik heranzuwagen, hier in seiner letzten Messe an äußerlich massiven, gleichzeitig intensivsten Mitteln der Glaubensbekundung auffährt, kann nicht einfach nur "schlank" oder "meditativ" präsentiert werden. Gottlob hat dies Herreweghe auch nicht versucht bzw. auch die "andere", die emphatische Seite zugelassen. So hat sein geistlicher Bruckner bei aller staunenswerten Durchsichtigkeit auch Größe, Atem, ja sogar Erhabenheit.
Schon das Kyrie – eine ergreifende Danksagung des von tiefer Depression Genesenden – durchziehen wunderbar weit gespannte Legatobögen. Die "Christe"- wie auch die "Glorificamus te"-Akklamationen wiederum, ganz zu schweigen von den hinreißenden "Credo"-Bekundungen, trumpfen machtvoll auf – ohne in Gewaltsamkeiten abzugleiten. Der RIAS Kammerchor zeigt sich als Hauptakteur von seiner glänzendsten Seite: ungemein kompakt, strahlend hell im Gesamtklang, luzide in den Fugen, dem groß besetzten Orchester nie unterlegen und doch, bei makelloser Intonation, zu subtilen dynamischen Feinheiten fähig. Gerade auf letztere legt Herreweghe besonderes Augenmerk: so feinsinnig, so sphärisch-licht hört man beispielsweise das "Et incarnatus" im Gespinst von Solotenor (betörend schlank: Hans-Jörg Mammel), Solovioline, Chor und Orchester selten. Wie plastisch Herreweghe Bruckners schillernd vielfältigen "Credo"-Text ins Szene setzt, welche schlanke Innigkeit er dem "Benedictus"-Gebet angedeihen lässt – das ist schlichtweg beglückend. Und macht jeglichen Rezeptionsballast, sei es teutonisches Pathos oder frömmelnde Naivität, überflüssig. Hut ab vor diesem flämisch-deutsch-französischen Bruckner!

Christoph Braun, 05.12.2008



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