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N° 1254
21. - 27.05.2022

nächste Aktualisierung
am 28.05.2022



Ein wenig fühlt man sich bei dieser Inszenierung an opulente Fernsehdramen wie "Krieg und Frieden" erinnert – aber auch an die Serie "Leben im Gutshaus", in der ausgewählte Freiwillige im Live-Experiment das Leben in der Hierarchie eines Gutshauses nachstellen – und dabei zum Teil nach wenigen Tagen ganz in ihren Rollen aufgehen. Doch der Londoner Livemitschnitt von "Figaros Hochzeit" mit seinen ebenso großzügigen wie liebevoll detailgenauen Bühnenbildern und Kostümen und mit seinen typgerecht gecasteten Sängerdarstellern kann es sowohl an inneren wie äußeren Qualitäten mit den populären Fernsehproduktionen aufnehmen. Bei allem Reichtum der Ausstattung und aller Ansehnlichkeit der Hauptdarsteller zeichnet sich die Produktion vor allem durch ihre fast dokumentarische Glaubwürdigkeit aus – auch wenn die historische Distanz ein wenig verkleinert wird, indem die Handlung aus dem Entstehungsjahr in das frühe 19. Jahrhundert verlegt ist. Es ist eine Lust zu sehen und zu hören, wie Dirigent, Regisseur und sämtliche Darsteller an einem Strang ziehen, um gemeinsam mit Mozart und Da Ponte jede Figur und jede noch so possenhaften Situation nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit zu motivieren. Ob Diener, ob Graf: In beiden Fällen sind Menschen mit Stärken und Schwächen auf der Bühne zu erleben, die auch in ihren Rollen gefangen sind. Die Differenziertheit der Gestaltung, mit der die Darsteller diese Rollen prägen, beginnt schon in den Rezitativen: So lebensecht, mit derart vielen Nuancen zwischen Gesang und Sprache wie hier bekommt man sie fast nie zu hören. Stimmlich wie darstellerisch grandios sind nicht nur die einzelnen Rollenporträts wie etwa Rinat Shahams genaue Studie des pubertierenden Cherubino, sondern auch das Ensemblespiel: Die Küsse, die der hochintelligent phrasierende und sinnlich-ebenmäßig singende Erwin Schrott mit seiner von aller platten Soubrettenhaftigkeit befreiten Susanna (Miah Persson) austauscht, könnten seine wahre Verlobte Anna Netrebko jedenfalls glatt eifersüchtig machen.

Carsten Niemann, 11.07.2008



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