home

N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



Da schwärmt Schumann im Juni 1843, er habe gerade seine "größeste Arbeit und ich hoffe auch meine beste" abgeschlossen, und auch die Zeitgenossen in ganz Europa und Übersee sind begeistert – und wir heute? Wir kennen diesen "besten" Schumann nach wie vor kaum! Die Rede ist vom dreiteiligen Oratorium "Das Paradies und die Peri", seinem Schöpfer gemäß ein "beinahe neues Genre", das jenseits tradierter Gattungsvorgaben und trotz Nummerneinteilung mit einem durchgehenden, liedhaft-lyrischen Erzählfluss aufwartet. Auch wenn die von Schumann selbst präparierte orientalische Versdichtung "Lalla Roohk" des Byron-Freundes Thomas Moore heute auf den ersten Blick ziemlich sentimentalisch zu sein scheint mit der Geschichte der Fee Peri, die als gefallener Engel schuldig geworden ist und drei Prüfungen in damals höchst exotisch anmutenden Landstrichen Indiens, Nordafrikas und Arabiens bestehen muss, um ins Paradies zurückkehren zu können –; auch wenn die grotesken Entstellungen des Werks durch die Nazis (als Verklärung deutscher Kriegsopfer) noch immer negative Rezeptionsfolgen zeitigen: Es ist höchste Zeit für eine Rehabilitation. Nicht zuletzt, weil existentielle Grundfragen wie die Suche nach Erlösung schon damals "modern": d. h. universalistisch, jenseits abendländischer Grenzen, und metaphysisch, jenseits dogmatisch-konfessioneller Schranken, thematisiert wurden.
Vor zehn Jahren bereits hatte Gardiner eine aufregende, quellengetreue Würdigung zu Wege gebracht, Nikolaus Harnoncourt tut es nun nicht minder. Vor allem verblüfft die Akribie, mit der er sich in Schumanns Ausdruckspalette förmlich hineinkniet. Die exzellente Solistenriege folgt ihm hierin ohne Abstriche, wie beispielhaft der von Dorothea Röschmann makellos präsentierten Titelfigur abzuhören ist, der unterschiedlichste Stimmvaleurs vom Volksliedhaften bis zum auftrumpfenden "Freuden"-Schluss mitgegeben sind. Trotz des lyrischen Grundtons gibt es reichlich "fantastisches" Orchesterkolorit sowie eine verblüffende chorische Formenvielfalt mitsamt Bach-, Mozart- und Mendelssohnzitaten. Wie Harnoncourt diese "romantischen" Gefühlswelten von den BR-Symphonikern und -Choristen nachzeichnen lässt, ist pures, subtilstes Hörglück. Ob Schumanns Fee jetzt endlich Gerechtigkeit widerfährt?

Christoph Braun, 06.06.2008



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Auf Anregung seines Lehrers Carl Friedrich Zelter schrieb der blutjunge Felix Mendelssohn Bartholdy im Alter von 12 bis 14 Jahren zwölf Streichersinfonien im Zeitraum von 1821 bis 1823. Diese Werke bildeten sein Übungs- und Experimentierterrain für den musikalischen Satz, die Instrumentation und die sinfonische Form. Mendelssohn überschrieb die Stücke, die er mal mit drei und mal mit vier Sätzen gestaltete, wechselweise mit „Sinfonia“ oder „Sonata“. In ihnen fand die […] mehr


Abo

Top