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Frédéric Chopin, Johannes Brahms

Klavierkonzert Nr. 1, Soloklavierwerke

Dinu Lipatti, Tonhalle-Orchester Zürich, Otto Ackermann

Archiphon/Note 1 ARC-127
(70 Min., 1936 - 1950) 1 CD

Bei einer Heiligengestalt wie Dinu Lipatti mögen manche glauben, er sei vom Himmel gefallen. Aber die frühesten Aufnahmen (1936/41) zeigen ein doch etwas äußerliches, unbeteiligt schönes Brahms-Spiel. Lipatti sieht im Mittelteil des a-Moll-Intermezzos eher eine schöne Etüde zur geschmeidigen Oktavbrechung. Das ist doch beruhigend.
Schnell reifte Lipattis überragende Begabung. Der Konzert-Mitschnitt des ersten Chopin-Konzertes (Februar 1950) ist schlichtweg ein Wunder. Im Textheft dieser vorzüglich edierten und restaurierten Fassung liest man seine romanhafte Geschichte. Lipattis männliches, ganz und gar unverzärteltes Spiel kommt mit minimalem Rubato aus. Sein Ton ist von gläserner Transparenz und Kühle. Es wäre sicher reizvoll, in Lipattis Stil die Cortot-Einflüsse (der holte den Sechzehnjährigen 1933 nach Paris) von denen seiner "Drillmeisterin" Yvonne Lefébure zu unterscheiden, einer technisch typischeren Vertreterin der französischen Schule. Die makellose Fingertechnik wird eher sie als Cortot geschmiedet haben. Die geniale Freiheit, mit der Lipatti sie einsetzt, die kam dann aber wohl wirklich von oben.
Gegen Ende des zweiten Satzes stehen drei seltsam traumverlorene Leggierissimo-Takte. Lipatti, fast stillstehend, hört sie als gespenstischen Einbruch des Irrealen in die schwärmerische Larghetto-Welt. Selbst Rubinstein genoss sie nur als delikat ornamentierten Übergang, bei Lipatti aber sind sie magisch, und etwas vom eigentümlich erstarrenden Hauch schwingt bis in den Schluss der Romanze fort.
Das Finale ist dann von hinreißender Geschmeidigkeit. Viel forscher und jugendlicher als bei anderen "ewigen" Interpreten des Stücks wie Rubinstein oder Rosina Lhévinne tritt das Dolce-Seitenthema auf. Zügig, mit scharfen Vorschlägen strebt es fort, um in einem Oktavsprung zu enden, den Lipatti ausgesprochen keck auf dem schwachen Taktteil betont. Die folgenden, irrwitzig deutlich abschnurrenden Sechzehnteltriolenfiguren, über denen der Diskant ungestört singt - das ist beides mit der Rechten zu bewältigen - , atmen soviel Energie und Frische, dass man kaum glaubt, wie krank Lipatti damals schon war.
Kein Schatten fällt auf dieses Spiel von unanfechtbarer technischer und emotionaler Klarheit. Zehn Monate später war dieser vollendete Musiker tot.

Matthias Kornemann, 02.08.2001



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