Auch wenn man Bizets Carmen kaum „tiefere“ Dimensionen „hinter“ dem tragischen Handlungsablauf zusprechen kann oder muss, so fördert Sinopolis analytische Kunst doch manches zu Tage, was jenseits von Zigeuner- und Toreroplattitüde angesiedelt ist. Mit den gezügelten Tempi geht dabei einiges vom „Feuer“ dieser glutvollen Story verloren. Sinopolis Detailversessenheit aber macht dies wett, wenn er mit einem bestens präparierten, ungemein präzise agierenden Chor- und Orchesterensemble der Bayerischen Staatsoper jede Szenerie genauestens auf Atmosphäre und psychologische Konturen hin ausleuchtet (die „süßen Düfte“ etwa, die die Zigarettendreherinnen mehrdeutig besingen — man kann sie geradezu einatmen).
Den Sängern bleibt viel Entfaltungszeit und -raum. Dabei kann Jennifer Larmore — auf technisch fabelhaftem Koloraturniveau — allerhand erotisches Flair versprühen. Das Abgründige aber der Titelheldin, die Männer allenfalls als Mittel gegen Langeweile gelten lässt, das Dämonische dieser Femme fatale, die nur eines schätzt: ihre Freiheit — dies wird von Jennifer Lamores warmem Mezzosopran doch mitunter in ein zu mildes Licht getaucht. Gerade hierin, im unschuldigen Tonfall ihrer Gegenspielerin, der reinen Herzens liebenden Micaëla, ist Angela Gheorghiu schlichtweg bewunderungswürdig — ein Hohelied der (unglücklichen) Liebe von selten zu hörender Anmut. Die Männer trennen, obschon dämlich vereint in ihrem Carmen-Geifer, in dieser Aufnahme nicht nur Charaktergegensätze; im Vergleich zu Escamillo (machtvoll auftrumpfend: Samuel Ramey) muss Don José alias Thomas Moser auch stimmlich bei manch angestrengter Tenorhöhe zurückstecken. Dafür glücken ihm berückende piano-Momente — Zeichen der Sehnsucht, aber auch Resignation seines Don José, der sein verpfuschtes Leben erkennt. Auch hier also — wie im Gesamtkonzept — eine Betonung weniger der drängenden Handlungslogik als der psychologisch schlüssigen Deutung ihrer Ursachen im ewig modernen Geschlechtermythos.

Christoph Braun, 31.05.1996



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