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Antonio Vivaldi

Zwölf Violinkonzerte op. 3 ("L'estro armonico")

Europa Galante, Fabio Biondi

Virgin Veritas/EMI 5 45315 2
(1997) 2 CDs, DDD

Antonio Vivaldis berühmteste Violinkonzertsammlung ist für viele ein Albtraum: Für die Violinschüler nämlich, die vor allem immer und immer wieder mit einem ganz bestimmten Werk aus dieser Zwölfergruppe traktiert werden - dem Konzert a-Moll op. 3 Nr. 6. Auch mir ist es einst so gegangen, auch ich mußte erstes geigerisch-konzertantes Können an diesem Stück erarbeiten, das nun wirklich jeder gespielt hat und dessen Noten durch permanente Schwingungspenetranz ein für alle Mal in die Holzwände jeder Gymnasiumsaula eingegraben sind.
Für den, der das Werk auch nicht mehr hören kann und für den, der Vivaldi einmal von einer ungemein frischen, geradezu provozierenden Seite entdecken will, für den hat Fabio Biondi mit seinem Ensemble Europa Galante eine revolutionäre Einspielung herausgebracht. Hier versteht hat man plötzlich, warum die Sammlung op. 3 bereits zu Vivaldis Lebzeiten in ganz Europa für Furore sorgte. Ihr Titel "L'estro armonico" deutet das Spannungsfeld an, in dem sich diese zwölf Konzerte für eine bis vier Soloviolinen und Streicher bewegen: "L'Estro" steht für die freie Inspiration, "armonico" für den Boden der strengen Regeln.
Johann Sebastian Bach hat die Stücke eingehend studiert und sich ihre Finessen bearbeitend angeeignet. Daß Vivaldi in vielen Interpretationen zur langweiligen Nähmaschinenmusik verkommt, deren endlose Ketten von Sechzehntelnoten sich immer gleich anhören, hat dem Ruf des Komponisten bis heute geschadet. Bereits Strawinsky äußerte bekanntlich sarkastisch, daß Vivaldi im Grunde nur ein einziges Konzert geschrieben habe - und das eben vierhundert Mal. Strawinsky hat die meisten Werke Vivaldi gar nicht gekannt (und wer kann das überhaupt von sich behaupten?).
Und er ist auch über ein Vierteljahrhundert zu früh gestorben, als daß er diese Aufnahme hätte hören können. Wie selbstverständlich fegt der Solist Biondi mit seinen Kollegen jeden Muff hinweg, der älteren Einspielungen anhaftet und der immer noch die Hörnerven besetzt. Ein so durchdachtes, trotzdem aber musikantisches Musizieren habe ich bei Vivalid vorher nie gehört. Biondi gelingt es bei aller Authentizität die akademische Starre der Alten Musik wie selbstverständlich hinter sich zu lassen. Vivaldi erhält mit einer fantasievollen Continuo-Begleitung (neben Orgel auch Cembalo, Laute und Gitarre!) "fetzigen" Drive, doch die Interpreten machen nicht den Fehler, die rhyhthmischen Partituren des Venezianers zu Barock-Pop herabzuwürdigen. Faszinierende Tempoverschiebungen, unerwartete Brüche, abrupte Stimmungswechsel verbunden mit atemberaubender Virtuosität aller Musiker lassen die Stücke erstrahlen wie ein barockes Gemälde nach einer gründlichen Restaurierung.

Oliver Buslau, 01.12.1999



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