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Ludwig van Beethoven, Robert Schumann, Frédéric Chopin u.a.

Rubinstein-Collection (1)

Artur Rubinstein

RCA/BMG 09026-63000-2
(94 Min.) Zahlreiche Titel sind auch einzeln erhältlich

Ein Studienfreund von mir sagte einmal: „Ich bewundere Rubinstein sehr. Ich kenne nichts Schlechtes von ihm.“ Jeder Griff in die solide Schatztruhe der RCA-Edition bestätigt diesen Satz. 94 liebevoll gestaltete und von teilweise sehr persönlichen Texten begleitete Folgen warten, angehört zu werden. Um dieses künstlerische Hochplateau annähernd zu erkunden, brauchte man eigentlich Jahre. Es wäre vermessen, hier mehr als einen ersten schmalen Pfad ausstecken zu wollen.
Am 15. Januar 1975 gab Rubinstein achtundachtzigjährig ein Benefizkonzert in Pasadena/Kalifornien, das die Folge 80 der Edition ungekürzt wiedergibt. Dieses Dokument vermag nicht nur grenzenloses Staunen auszulösen, es weist auch Wege in die diskografische Vergangenheit Rubinsteins. Aus dem Programm ragen drei Werke heraus, die er sein Leben lang gespielt und für uns geprägt hat wie kein Zweiter: Beethovens „Appassionata“, die Fantasiestücke Schumanns und Chopins As-Dur-Polonaise op. 53.
Der aufwühlende Zorn, mit dem Rubinstein die „Appassionata“ spielt, ja mit ihr kämpft, hat mit dem Alter noch zugenommen. Die rammenden Schläge, mit denen das Schicksalsmotiv anklopft, das Stampfen der Presto-Coda - all das hat eine schockierende Eindringlichkeit gewonnen, die die vielen Fehler des fast erblindeten Pianisten belanglos erscheinen lässt. Nur sieben Beethoven-Sonaten sind von Rubinstein auf Schallplatte überliefert – und jede dieser Interpretationen widerlegt all die Zweifler, die Rubinstein als Beethoven-Spieler allenfalls bei den Konzerten gelten lassen wollten. In jede Sammlung gehört eine der klassischen Rubinstein-CDs (Vol. 56) mit „Pathétique“, „Mondscheinsonate“, der „Appassionata“ (in der unschlagbar dramatischsten Fassung von 1964 - siehe auch RONDO-CD-Führer) und der „Les-Adieux“-Sonate. Einmal nur, 1954, nahm er die „Waldstein“-Sonate auf (Vol. 33), und nur wenige Pianisten haben die Kraft zu einem so bacchantisch-prallen Jubel im Finale.
Zurück zum alten Mann in Kalifornien. Nach der „Appassionata“ kamen die acht Fantasiestücke Schumanns. Rubinstein hat diesen Komponisten immer geliebt und viele seiner großen Werke aufgenommen. Und doch spiegelt kein Zyklus so beglückend seine künstlerische Entwicklung wie die Fantasiestücke. Wie grimmig krallt er sich in das „Ende vom Lied“. Noch nicht!, scheint er zu sagen. Und mit welcher Urgewalt er die Bässe im „Aufschwung“ erdröhnen lässt! Hier spielt ein alter Mann, der jugendlicher und vitaler klingt, als wir alle es mit zwanzig gewesen sind. Man findet keine Greisenabgeklärtheit bei Rubinstein.
Auch bei seiner letzten Studioaufnahme im April 1976 wählte er seine geliebten Fantasiestücke (Vol. 71). Ist es nicht berührend, dass diese Jahrhundert-Diskografie mit Schumanns „Ende vom Lied“ ausklingt? Der Schluss gleitet ganz fahl ins Pianissimo-Dunkel, bruchstückhaft klingt das Thema noch einmal an, bevor es sich verliert. Diese Abschiedsaufnahme grüßt in ihrer fantastischen Launigkeit, ihrem betörenden Klang hinüber zu einer viel älteren Version. Schon 1949 hat er die Fantasiestücke eingespielt (Vol. 20), und auch das ist eine Klavierplatte zum Süchtigwerden. Bei allem Ungestüm ziseliert er die Nebenstimmen des „Aufschwungs“ mit einer leichthändigen, zarten Genauigkeit, die besonders in den bizarren „Traumeswirren“ ein Maß an Vollkommenheit erreicht, an schnurriger Dämonie überdies, die überwältigt.
Am Ende des Abends in Pasadena stand Chopin, der Komponist, mit dem Rubinstein sich sein Leben lang verbunden hat wie mit keinem zweiten. Nach Beethoven und Schumann war Rubinstein nicht etwa ermattet, nein, er hatte an Kraft gewonnen, spielte das cis-Moll-Scherzo mit äußerst fülligem Klang und treffsicher explodierendem Finale. Zuletzt kam, wie so oft, „seine“ As-Dur-Polonaise. Das Oktavdonnern im Mittelteil steigerte sich zu einem Furcht erregenden Gewitter, zum Dur-Gegenstück der „Appassionata“-Raserei.
Von den drei Aufnahmen der Polonaisen ist die letzte (1964) die berühmteste geworden (Vol. 48). In ihr lebt der ganze üppig-warme Reichtum von Rubinsteins unnachahmlichen Ton. Feuriger und viel geschwinder ist die Fassung von 1950 (Vol. 28), deren kraftvollerer Gebärden sich der wilde alte Rubinstein 1975 ganz offenbar wieder entsann. Das Höchste sind aber wohl die 51 Mazurken, die er dreimal einspielte. Schon die erste Fassung von 1938 (Vol. 6) - klangtechnisch auf ein erstaunliches Niveau gebracht! - hat mit ihren raschen farblichen Umschattierungen, in ihrer Phrasierungsintelligenz kaum ihresgleichen. Erheblich langsamer und nachdenklicher spielte er die Mazurken 1965 (Vol. 50) und entdeckte unendlich viel an zerbrechlicher Poesie in diesen Miniaturen. Diese Folge 50 ist wohl eine Kulturpflicht-CD - doch eigentlich verdiente jeder Takt Chopin von Rubinstein respektvolle Erwähnung.
Auf zwei sehr unterschiedliche Chopin-Kleinode sei wenigstens noch hingewiesen. Nur einmal, 1946, nahm er die Préludes auf (Vol. 16) und Schroffheit wie heftiger Ausdruckswille dieses Dokuments überraschen doch. Rasender kann man das b-Moll-Prélude nicht spielen, mit vernichtenderer Gewalt jene in es- und d-Moll kaum. Merkwürdig spröde geraten die freundlicheren Miniaturen, deren Duktus sich unter Rubinsteins Zugriff erst allmählich verflüssigt. Auch nur eine Aufnahme (1961) existiert von Chopins dritter Sonate (Vol. 46) - aber was für eine! Wer sonst in der Interpretationsgeschichte spielte den Kopfsatz so lyrisch, so voller wehmütiger, zerbrechlicher Schönheit. Rubinstein nimmt seinen thematischen Fortspinnungen alle Bewegung, alle Unruhe, als wolle er inmitten dieser wunderbaren Melodien die Zeit anhalten - und wir halten die Luft an beim Hören. Wer sich mit Rubinstein Kunst beschäftigt, lernt das Staunen wieder.

Matthias Kornemann, 30.06.1999



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