Responsive image
Frédéric Chopin, Ludwig van Beethoven u.a.

Vladimir Horowitz - The Original Jacket Collection

Vladimir Horowitz

Sony SX10K 89765
(1962 - 1972) 10 CDs

1953 zog sich Wladimir Horowitz vom Podium zurück, die Jahre vergingen im Fluge und immer ferner rückte die Carnegie Hall. Doch auch einer jungen Pianistengeneration rückte er immer ferner, wurde nicht mythisch, sondern langsam einfach vergessen. Das wird ihn geärgert haben.
Als er 1962 von der RCA zur CBS-Konkurrenz wechselte, debütierte er mit einem Programm, das ganz und gar nicht klingt wie das Spiel eines scheuen Einsiedlers. War seine Chopin-b-Moll-Sonate 1950 von einer etwas träge-selbstsicheren Wucht, gibt er hier eine atemberaubend flackernde Vorstellung. Viel leichter und geschmeidiger ist das Hauptthema, alle Erregung staut sich in der ungeheuer angriffslustigen Schlusssteigerung der Exposition. Es ist der Geist dramatisch-konzertanter Spannung, der hier durchbricht. Mit der furiosen Schumann-Toccata im zweiten Album zeigte er allen Zweiflern, dass seine Technik kein bisschen nachgelassen hatte. Die ersten beiden CBS-Produktionen gleichen Ankündigungen einer Rückkehr.
Hat man die originalen Cover und Programme dieser Edition einmal chronologisch vor sich ausgebreitet, kann man so etwas wie eine charakteristische Bewegung innerhalb der späteren Horowitz-Karriere wahrnehmen, den Wellenschlag, der sich aufbaut zur historischen Rückkehr und dann sanft abebbt, dem Spätstil entgegen. Die legendäre Scarlatti-Platte war das letzte Erzeugnis der Einsiedler-Zeit, ja sie wurde ihr Denkmal. Die Muße, die Horowitz zum Sichten und Durchspielen hunderter Sonaten brauchte, hatte er nur in seiner Entrückung.
Dann kam die von hysterischen Erwartungen belastete Rückkehr. Als "Live-Aufnahme" präsentierte die CBS damals Schumanns C-Dur-Fantasie. Doch Hörer erinnerten sich sehr genau, wie katastrophal Horowitz bei der fürchterlichen Sprungstelle am Ende des zweiten Satzes ins Schleudern gekommen war. Auf der Platte war sie plötzlich sauber, Horowitz hatte ein wenig im Studio nachpoliert. Und so kommt das Werk auf uns. Irgendwann einmal wird man die kleine Mogelei tatsächlich für die authentische Konzertfassung halten, die ansonsten der Anspannung das höchste an Klangschönheit abgewinnt.
Horowitz lebte ganz dem neuen Erfolg auf dem Podium, und über fünf Jahre vergingen, bis er erneut ins Studio ging. Für mich ist "Kreisleriana" Horowitz schönste Aufnahme. Eine nächtliche Welt kurz vor dem Zerfallen, deren raffiniertes, melodisch überwältigend reiches Stimmengeflecht er fast besessen zergliedert und zum Eigenleben weckt, bis die Unterstimme im Schlussstück dann so gespenstisch eigene Wege geht.
Die Konzerte 1965/66 waren Schwerkraftzentren in Horowitz stilistischer Entwicklung. Die letzten drei Aufnahmen, die bei CBS noch folgten, kristallisieren sich um einen Nukleus in Form eines Mitschnitts aus diesen Konzerten. So wie Horowitz in den "Kreisleriana" die Verselbständigung der Stimmen kultiviert hatte, scheint sich sein ganzer Stil nun den Randzonen des Expressiven zuzubewegen und das in den Konzerten Gesagte in extreme Ausdrucksbereiche zu entführen. Gesteigert sind die Paroxysmen (Skrjabin: "Vers la flamme"), zerbrechlicher noch werden die Zartheiten all der Miniaturen, der Mazurken und Poèmes.
1974 verließ Horowitz die Columbia. Unglückliche Jahre folgten, eine weiterer Abstieg und ein letztes Wunder künstlerischer Erneuerung und Wiedergeburt. Diese Aufnahmen aber bewahren die vielleicht wertvollste Phase der Karriere dieses großen Künstlers, eine Phase, in der Skepsis und Introspektion den Virtuosenstil veredelten.

Matthias Kornemann, 31.01.2002



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk […] mehr »


Top