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Diverse

Benedetti Michelangeli

Arturo Benedetti Michelangeli, Orchestre de la Suisse Romande, Ernest Ansermet

Warner Fonit 3984 26901-2
(51 Min., 1939, 1941) 1 CD

In Texte über Benedetti-Michelangelis Aufnahmen schleichen sich gelegentlich leise Bedenken in die Ehrfurcht vor der absoluten Meisterschaft, Bedenken, ob auf dem Wege zu dieser singulären Perfektion ein wenig vom spontan beglückenden, risikofreudigen Wesen des Musizierens verloren gegangen sein könnte. Einen Eishauch verstörender Sterilität lassen manche Aufnahmen gewiss spüren - im Konzert, wo ihm durchaus nicht alles gelang, war das schon ganz anders.
Diese Aufnahmen des jungen Michelangeli zeigen einen vollendeten, aber keineswegs "fertigen", völlig ausgeprägten Pianisten. Ein jugendlich ungestümes, wild ausbrechendes Temperament drängte jenen fast selbstquälerischen Zwang zur Makellosigkeit noch ziemlich beiseite. Der Mitschnitt des Abschlusskonzertes des Genfer Wettbewerbes ist so ein Zeugnis des Ungestüms. Der neunzehnjährige Michelangeli braust in der Stretta von Liszts Es-Dur-Konzert dem Orchester davon in geradezu unverschämter Freude an dem eigenen Können. Einmal - mit einem raffiniert verkürzten Takt - kann der verdutzte Ernest Ansermet dieses durchgehende Rennpferd noch einfangen, dann lässt er ihn triumphale Oktaven donnern, wie sie auch ein Horowitz nicht spielen konnte, und in der Ziellinie ist der Sieger allein mit einem hysterischen Publikumsjubel.
Sollte man mit einem Wort fassen, was diese Aufnahmen verbindet, so ist es die Freiheit. Die berühmte "Andaluza" aus Granados' "Danzas Españolas" spielt Michelangeli rhythmisch unerhört frei, gestaltet kühn schroffe Brüche zwischen gleichsam zerstreutem Gitarrengeklimper und leidenschaftlichen Rezitativen. Nicht einmal auf Spanisches spezialisierte Künstlerinnen wie Magda Tagliaferro oder Alicia de Larrocha gestatten sich hier ein derart lässiges Aufbrechen des Tanzrhythmus oder ähnliche koloristische Effekte.
Das gültigste und klangtechnisch beste Dokument dieser Phase ist die frühe Beethoven-Sonate op.2/3. Michelangeli hat sie sein Leben lang gespielt, aber ihre fast brutal auftrumpfenden jugendlichen Kraftgesten hat er nie herrlicher getroffen als in dieser Aufnahme. Das Terzenmotiv des Beginns nimmt er forte, mit einer provozierenden Betonung des abschließenden schwachen Taktteils. Selbstbewusster, aber doch auch sinnvoller kann man Beethovens Vortragsanweisungen kaum übergehen. Das entfesselte Brio der Ecksätze löst das Versprechen dieses Beginns mehr als mitreißend ein.
Diese Aufnahmen, deren Energieentladungen noch keineswegs am Gängelband einer unerbittlichen Vollkommenheitsforderung hängen, sind nicht nur Dokumente grandioser Virtuosität, sie zeigen uns auch, dass der Jugendliche Michelangeli ein ordentliches Maß an Sorglosigkeit und Risikofreude mitbrachte.

Matthias Kornemann, 16.08.2001



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