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Frédéric Chopin, Joseph Haydn, Leoš Janáček

"Live In Prag" - Préludes op. 28 Nrn. 17-24, Sonate D-Dur Hob. XVI:37, Im Nebel, Sonate es-Moll

Ivan Moravec (Klavier)

Hänssler Classic/Naxos 98.339
(67 Min., 2000) 1 CD

Es wird der CD oft unterstellt, sie lasse den Klavierton "kalt" erscheinen, "unpersönlich". Ich habe das auch schon geschrieben. Aber wenn man Ivan Moravecs Klavierabend vom Prager Frühling 2000 hört, befällt einen der Verdacht, es könnte doch an den Pianisten liegen. So herrlich, warm und persönlich hat das Instrument seit langem nicht mehr gesungen.
Man wird das ganze Wunder dieses kostbaren Klavierspiels erst nach und nach fassen können. Vielleicht sollten Sie (ausnahmsweise!) einmal zur ersten der drei Zugaben springen, zur "Ondine", nicht zur ravelschen, sondern zu Debussys spröderer Nixen-Schwester aus Préludes II. So gesättigt mit Farbe und doch transparent konnte auch Michelangeli, Moravecs Mentor, die "Ondine" nicht spielen. Noch den geringsten pp-Anschlag eines Arpeggios reiht er, wie eine ebenmäßige opalisierende Perle, auf die Schnur. Das eigentlich Unbeschreibliche aber ist diese fast greifbare Spannung - fast eine Art Muskeltonus - die die Klanggesten dieses schwierigen Préludes in eine lebendige Bewegungsfolge bringt. Moravec ist kein anämischer Ästhetizist.
Klavierwerke Janáceks standen im Zentrum des Prager Abends. Moravec rückt die vier Stücke "Im Nebel" nicht in die impressionistische Welt. Er gibt dem Zyklus ein zartes, doch plastisch modelliertes Gesicht. Der Adagio-Choral und die Arpeggien am Schluss der Nr. 1, die gezackten Presto 32-tel, die so geheimnisvoll aus dem Nebel hervorzutreten scheinen in der Nr. 2, Moravec hört diese melodischen Splitter als noch im dreifachen Piano tragende Klangreden auf vertauchenden Bässen. Man denkt an Spitzenmuster auf mattblauem Grund.
Moravec ist der Pianist, der mühelos eine Diminuendo-Vorschrift im Pianissimo hörbar macht. Unendlich rührend singt er das Andantino-Thema der Nr. 3 mit den unregelmäßigen Perioden aus, als sei es ein banges, immer wieder abbrechendes Lied - und wenn Sie ganz genau aufpassen, hören sie ihn leise mitsummen. Dass Moravec auch dramatische, klangmächtige Inszenierung liegt, beweist er in der zweisätzigen Janácek-Sonate.
Leider haben wir auf CD nur die letzten 8 Préludes aus Chopins op. 28, im Konzert spielte er sie natürlich komplett. Der Rückzug ins Pianissimo ist in der Schlussperiode des c-Moll-Largos ebenso hinreißend wie im Mittelteil des B-Dur-Präludiums.
Allmählich (wieder) hineingeführt ins Reich der Nuancen wird man erst würdigen können, wie Moravec im Finale von Haydns D-Dur-Sonate jede Themenwiederholung ein klein wenig verändert - haben wir nicht fast verlernt, solche Unterschiede zu bemerken? -, wie er die Akkorde im Largo abschattiert. Und vieles mehr. Ivan Moravec spielt unfasslich schön Klavier.

Matthias Kornemann, 01.06.2001



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