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Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 9

Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Ferdinand Leitner

hänssler Classics/Naxos 93.052
(61 Min., 1983) 1 CD, Live-Mitschnitt

Bekanntlich ist der “liebe Gott" der Widmungsträger der Bruckner'schen Neunten. Und bekanntlich irrt derjenige, der bei dieser Widmung einen sanften Rauschebartträger assoziiert. Wenn er sich Ferdinand Leitners Stuttgarter Version dieser Unvollendeten zu Gemüte führt, wird er im Gegenteil den Widmungsträger für einen grausamen Alleszertrümmerer halten müssen. Denn was der vor sieben Jahren verstorbene, an der Württembergischen Staatsoper zum gefeierten Wagner-Experten avancierte Dirigent 1983 inszeniert hat, ist von elementarer Gewalt, ja Brutalität - zumindest im gigantischen Eröffnungssatz. Selten vernimmt man die “Misterioso"-Eröffnung derart bedrohlich, selten das Hauptthema mit den Fortissimo-Entladung derart infernalisch. Die Posaunen von Jericho - hier tönen sie sprichwörtlich in den leeren Quintklängen auf D. Jeden frommen Brucknerianer, der sein Bild vom naiven, im wahrsten Sinn “gutgläubigen" Katholiken nicht aufgeben will, muss die Leitner’sche Unerbittlichkeit verstören, gibt es hier doch nicht die Spur von Optimismus oder gar Happy-End-Paradisum.
Leider hält Leitner in den beiden anderen Sätzen nicht ganz, was er im Kopfsatz versprochen hat. Im verrückten Scherzo hat Bruckner der Schwärze noch eine kräftige Prise Galgenhumor à la mittelalterlichem Sensenmann und Totentanz mitgegeben. Doch davon ist bei Leitner leider nicht genug zu vernehmen. Auch das abschließende Adagio - Bruckners unbeabsichtigter Abgesang - hat nicht die Suggestion des Kopfsatzes. Zu sehr scheint Leitner hier an jenen “lieben Gott" gedacht zu haben (den man dem Adagio ja immer wieder andichtet), denn vieles plätschert einfach dahin. Bis er dann doch (wieder) zuschlägt und die einzigartigen Katharsis-Akkorde so schneidend scharf wie sonst kaum jemand auf den Hörer loslässt. Den Stuttgarter Musikern, insbesondere den Blechbläsern, ist jedenfalls das große Lob zu zollen, Leitners geradezu existentiellen Ansprüchen des Kopfsatzes gerecht geworden zu sein. Dass den Hörnern das gefürchtete Pianissimo-Ende dann doch nicht lupenrein gelingt, kann und muss man verzeihen.

Christoph Braun, 02.03.2003



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